Mein Authentisch sein als Frau – Das Feiern meiner Wut (Janet Jenichen)

Gerne schlendere ich durch Buchläden. Bücher haben für mich etwas Magisches. Ich erinnere mich an Bücher von meiner Oma in Altdeutscher Schrift, wie ich diese mit der Taschenlampe als Kind unter meiner Bettdecke heimlich gelesen habe. Ein Buch von Til Eulenspiegel ist mir in Erinnerung geblieben.
An einem sonnigen Tag, lief ich ziellos in einer Stadt umher. Treiben lassen, nichts denken. Lebendigkeit und Lebensfreude pur.
Und dann war es da. Dieses Buch von Arun Gandhi „Wut ist ein Geschenk“ Ich erinnere mich an diesen Moment. Ein Gefühl von beschwingt, aufgeregt und erfreut war in mir. Sinnhaftigkeit und Selbstwertschätzung in meinem Sein durchströmten mich.

Aufgewachsen bin ich in einer Familie mit vielen unausgesprochenen wütenden aggressiven Anteilen. Als Kind war ich nach außen ruhig, zurück gezogen und funktionierend. Meine Bedürfnisse fanden kaum Ausdruck und Raum.
Als Jugendliche traf mich meine Aggression, wie ein Sturm. Ungefiltert – Unvorbereitet – Wertend – Verbal als auch körperlich ausdrückend. Mein Umfeld war erschrocken über meine Aggression. Ich höre meine Mutter heute noch deutlich zu mir sagen: „Ich weiß nicht woher diese Wut kommt.“
Für mich war es mein erwachtes inneres Kraftwerk und es zeigte sich eher destruktiv. Ich gab anderen die Schuld für meine Wut und schämte mich auch, wie diese den Ausdruck bei mir fand.
Den Kontakt zu mir, zu meinen Gefühlen und die damit zusammenhängenden Bedürfnisse zu erkennen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dauerte einige Jahre und dauert bis heute an. Die Gewaltfreie Kommunikation war und ist für mich dabei ein wichtiger Baustein.

„Wir sollten uns nicht für unsere Wut schämen. Sie ist eine sehr gute und mächtige Sache, die uns motiviert. Aber wofür wir uns schämen müssen, ist die Art, wie wir sie missbrauchen.“ Mahatma Gandhi

Ich fragte mich oft als Frau ob meine Wut-meine Aggression sein darf. Wenn ich über Aggression nachdenke neige ich dazu dies als etwas schlechtes zu werten. Dies darf nicht sein. Ich stelle Vergleiche auf. Gedanken wie:„Aggressionen bei einem Mann sind normal, aber bei einer Frau nicht. Frauen haben eine gewisse Feundlichkeit an den Tag zu legen.“ Ich darf mich als Frau nicht mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen ausdrücken.

Selbstempathie in meinem Sein ist damit kaum möglich und somit kann ich meine Bedürfnisse nicht erkennen und erfüllen. Das Recht als Frau sich selbst auszudrücken ist keine Selbstverständlichkeit. Dies ist anscheinend auch im neuen deutschen Bundestag angekommen. Der Frauenanteil ist so gering wie zuletzt vor 19 Jahren.

Dieses „Nichtrecht“ im Ausdruck gebe ich mitunter in Verhaltensmustern als Mutter an meine Kinder weiter und das kann mitunter Auswirkungen auf ein gesundes Selbstwertgefühl des Kindes haben. Der konsequente und eigenverantwortliche Umgang und mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gilt als Stärkung der Empathiefähigkeit – ist Grundverständnis und Quelle dafür, unseren Kindern vorzuleben gut für sich Sorgen zu können. Wenn Kinder authentische Beziehung erfahren, ist dies gleichzeitig Grunderlebnis für echte Hilfsbereitschaft und Teilhabe. Die Kinder erfahren so, dass sie gewollt sind und wollen anderen Beziehung anbieten.

Für mich ist es ein erster wichtiger Schritt meine Denkmuster zu durchbrechen. Mir bewusst zu machen, dass Wut sein darf.
Vom Verständnis der Gewaltfreien Kommunikation ist Wut ein Alarmsignal. Es sollte nicht als etwas schlechtes angesehen, abgelehnt oder unterdrückt werden. Wenn wir auf diese Weise mit Wut umgehen findet sie ihren Weg in Destruktivität die für uns und andere sehr gefährlich sein kann.
Bei Wut und Aggression unseren Gefühlen und den dahinter liegenden Bedürfnissen wahrzunehmen, anzunehmen und wertzuschätzenden Ausdruck zu verleihen führt hin zu einem konstruktiven Umgang mit mir selbst und mit anderen.

„Wut ist für einen Menschen, wie Benzin für ein Auto-sie treibt uns an, damit man weiterkommt, an einen besseren Ort. Ohne sie hätte man keinerlei Motivation, sich einen Problem zu stellen.“ Mahatma Gandhi

Ohne konstruktive Aggression würden wir keinen Sport machen, Veränderungen bewirken, jemanden verführen, Sexualität leben, unsere Kinder beschützen, unsere eigenen Grenzen bestimmen können. Einen Sozialen Wandel im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation, nicht voran bringen.

Ein Wort noch zu Kindern und Jugendlichen die destruktive Aggression zeigen. Wir als Frauen im familiären als auch im beruflichen Kontext sind gleichberechtigt mit Männern dafür verantwortlich diesem Thema Aggression wert- und moralfrei zu begegnen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen ihre Gefühle und Bedürfnisse herauszufinden. Dies beginnt im Beziehungsangebot, wofür wir als Erwachsene zu hundert Prozent verantwortlich sind und dem gemeinsamen Vorleben. Der Kreis schließt sich mit Fragen: „Wo hat meine Wut einen Platz?“„Wie lebe ich meine Wut als Frau?“

Ich würde mich gerne diesen Fragen gemeinsam mit euch, als Fragen des sozialen Wandels in dialogischen Kreisgesprächen stellen. Miki Kashtan greift den Dialog als ein Element für den sozialen Wandel auf.

Mit dem Dialog werden Vertrauensräume geschaffen. Ich kann über das reden, was mich gerade bewegt, ohne dass das Gesagte bewertet wird. Im Dialog erfahre ich Wertschätzung, Zugehörigkeit, Anerkennung, Respekt und Vertrauen in mich selbst. Ein wirklicher Austausch und ein gemeinsames Denken und Lernen findet statt (Containern). Eine dialogische Intelligenz kann sich entwickelt.

„Dialogische Intelligenz kann im Dialog miteinander gelernt, entwickelt und vertieft werden: im konkreten, praktischen Dialog, nicht im theoretischen Studium. Jeder bringt sein eigenes Potential zum Denken, Sprechen und Zuhören, zur Reflexion und zur Beziehung mit. Diese Fähigkeit zu vertiefen ist eine Lebensaufgabe. Eine Aufgabe, die in Beziehung und Gemeinschaft gelöst werden kann und zugleich die Gemeinschaft stärkt und entwickelt – die an Schwierigkeiten nicht scheitern muss, sondern sich gerade daran entwickeln kann.“ (Martina Hartkemeyer, Johannes Hartkemeyer, Tobias Hartkemeyer, Dialogische Intelligenz, Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, 2015)

Liebe Frauen lebt eure Wut! Ja, ich als Frau habe ein Recht auf Authentizität und Ausdruck. Die Veränderung beginnt bei mir und es erfordert Mut Unsicherheiten zu zu lassen. Ich möchte euch einladen dies im Dialog auszudrücken und gemeinschaftlich zu erleben.

Seminarangebot auf Anfrage Dialog und GFK: www.Dialoggiraffe.de
Dialog Wut – Frau Sein mit dem Kennenlernen der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B.Rosenberg

Janet Jenichen

 


Foto „STOP!“: © André Gödecke

1 Antwort
  1. Gaby Metschl
    Gaby Metschl sagte:

    Liebe Janet,
    es freut mich sehr hier auf dieser Seite wieder von dir zu hören. Ich war letztes Wochenende in Remagen auf dem Seminar von Johannes und Jana. Es hat mir so gut getan! Das Thema Frau und Wut was du in diesem Beitrag beschreibst, spricht mich sehr an.
    Vielleicht kannst du/wir irgendwann hier in Franken ein Seminar dazu anbieten? Lass uns in Kontakt bleiben.
    Ich freue mich sehr, dass du meine Schnecke als Bild verwendet hast und sende dir auf diesem Weg ganz herzliche, liebe Grüße
    Gaby Metschl aus Fürth

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