Mensch Sein

Mir fällt in diesen für mich surrealen Tagen der Refrain eines Liedes ein:

„Denn ich hab Angst um meine Freiheit

Ich hab Angst nach der Wahrheit zu fragen

Ich hab Angst vor meiner Freiheit

Ich hab Angst, mich richtig zu zeigen

Ohne Mauern und Heiligenschein

Ich hab Angst, dass wieder einer der Feind sein soll

Ich hab Angst, der Feind zu sein

Mut heißt nicht, keine Angst zu haben

Mut heißt, dass man trotzdem springt

Und ich weiß, dass man die Angst vergisst

Die Angst vergisst, wenn man singt.“

 

Ostberlin 1977. Hineingeboren in eine Diktatur. Die Farbe Rot,  in meinen Augen stehend für Feindbilder und den Tod.

Aufgewachsen in einer Familie mit pazifistischen Grundwerten. Prägend der Satz von Mahatma Gandhi:

„Keine Regierung der Welt schafft es, Menschen, die sich innerlich frei fühlen, dazu zu bringen, gegen ihren Willen zu salutieren.“

Mein biografischer Faden der mich später sowohl zum Dialog, als auch zur Gewaltfreien Kommunikation gebracht hat. Dies ist meine innere Haltung und Kraftquelle meinen Weg in den derzeitig unsicheren Zeiten zu gehen.

Ich bin aufgewühlt, erschrocken, verunsichert, fragend, bedingt durch destruktive Verhaltensweisen.

Sei es in meinem Pflegeberuf, wo mir die Haustür vor der Nase zugeschlagen worden ist, weil ich vergessen hatte meinen Mundschutz aufzusetzen. An der Kasse, wo ich aufgefordert wurde, nur noch bargeldlos zu zahlen. In der Warteschlange vor meinem Lieblingscafé mit der Aussage konfrontiert, den Mindestabstand nicht eingehalten zu haben.

Mit der Aufforderung dorthin zurück zu fahren, wo ich hergekommen bin, weil ich in einem Firmenwagen mit  Frankfurter Kennzeichen saß. Als Schleswig-Holsteinerin in Schleswig-Holstein.

Und neuerdings sprießt das Grün aus dem Sandkasten auf dem abgesperrten Spielplatz vor meiner Haustür.

In Zeiten von Corona werden für mich zwei Punkte deutlich sichtbar. Zum einen die trennende Kommunikation aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation. Bestehend aus den vier Säulen der Manipulation. Schuld, Scham, Bestrafung, Lob.

Zum anderen das innerliche Trigger in unserer traumatisierten Gesellschaft bei uns ausgelöst werden können. (Buchempfehlung: „Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ – Franz Ruppert)

Die Frage, die sich mir angesichts dieser zwei Aspekte stellt: „Ob das Milgram-Experiment (Stanley Milgram / 1961 „Fast jeder würde auf Befehl foltern“) unter Corona wieder möglich wäre?“ Meine eigene, innere Antwort auf diese Frage erschreckt mich selbst, sowie die scheinbare, mehrheitliche Forderung nach noch mehr einschränkenden Maßnahmen.

Angst

Der Falke, der über dem fliegt, was scheinbar ist. Sein ganzheitlicher Blick. Ruhig fliegt er. Lässt sich mit dem Luftstrom treiben. Von hier oben blickend. In diesen Tagen voller Angst und Panik. Unten auf einer Wiese eine Schafsherde, dicht an dicht in ein Gehege gedrängt. Gehorsam und blind folgend in ihrer Hilflosigkeit und Ohnmacht. Angst vor dem endlichen Leben.

Dort unten ein verängstigtes Lamm. Es möchte nicht in die Herde und blökt laut vor sich hin. Mit all seinem Mut und seiner Kraft stemmt es sich mit den Vorderhufen entschlossen von außen gegen das Gehege.

Der Falke blickt erstaunt runter zu dem Lamm. Beide Blicke treffen sich. Für einen kurzen Augenblick schließt der Falke seine Augen. Mit den letzten Sonnenstrahlen spürt er in sich hinein. Er lässt sich mit der Strömung des Windes nach unten treiben. Greift das Lamm mit den Krallen. Leise raunt er: „Komm ich zeige dir meine Welt.“

Tiefe Dankbarkeit durchströmt das Schaf innerlich. In diesem Augenblick des Seins tauchen beide in das wärmende, unendliche Licht der Abendsonne ein.

(Buchempfehlung: „Wider den Gehorsam“- Arno Gruen)

Ich lausche in diesen Tagen meinem eigenen, inneren Strom aus Gefühlen und Bedürfnissen und nehme dabei bewusst meine eigenen Trauma-Trigger wahr. Sie sind gekoppelt an die Bedürfnisse Schutz, Sicherheit und Vertrauen.

Das Wirkungsnetz aus Selbstempathie, Resilienzförderung, Metakompetenzen, Verbindung und Austausch sind für mich entscheidend, um nicht auf den panischen Zug des Todes aufzuspringen.

Der Tod, der durch Corona aus seiner Komfortzone in die sichtbare Mitte des Lebens gerückt ist.

„In der Welt des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe“ („Die Krönung“ – März 2020 https://charleseisenstein.org/essays/the-coronation/.de)

Der Tod trägt in diesen Tagen eine enorme Verantwortung. Sind wir uns dessen bewusst, was diese Verantwortung mit den auferlegten Maßnahmen und den damit einhergehenden natürlichen Konsequenzen und Wirksamkeiten für den Einzelnen und für die Gesellschaft bedeuten?

Förmlich höre ich den Tod aufschreien, dass er diesen Rucksack der Verantwortungsabgabe an sich nicht wollte.

Bedürfnisse wie Verbindung, radikale Selbstverantwortung, Akzeptanz und Wertschätzung werden unter dem Aufschrei sichtbar.

„Was bedeutet der Tod für dich? Hast du dir schon einmal die Zeit genommen, dieser Frage nachzugehen und auf Antworten aus der Tiefe zu lauschen? Wärest du in Frieden, wenn du jetzt von der Lebensbühne abtreten müsstest? Bist du bereit für das große Loslassen, den Moment in dem du nichts (mehr) zu sagen hast, nichts zu tun, wo alles Wollen, Sollen und Müssen ein Ende nimmt.“ (Buch „Perlen tauchen“ – The Work of Byron Katie)

Für mich gehört die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod zum Leben dazu. Ich bin dankbar und voller Demut, dass dies in meiner Familie kein Tabu ist. Für die Aussage meiner Uroma mir gegenüber als kleines Mädchen, „dass ich keine Angst vor dem Tod haben muss.“

Ein Geschenk war für mich das Begleiten meiner Cousine auf ihrem selbstbestimmten letzten Lebensabschnitt. Für meinen eigenen Weg mit einem Sternenkind. Für all die Erfahrungen, wo ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten durfte.

„Wir gehen alle zum selben Ort, wir erreichen ihn jedoch auf unterschiedlichen Wegen.“ – Byron Katie

Ich habe viele Fragen angesichts von Kontrollen, Maßnahmen, sozialer Distanz, freiwilliger Abgabe von Rechten und Quarantäne. Ich brauche den Austausch wo ich bin/sein darf.

„Du musst die Dinge mit den Augen in deinem Herzen ansehen, nicht mit den Augen in deinem Kopf.“

  • John Fire Lame Deer, Sioux-Lakota –

 

Janet Jenichen

Exam. Krankenschwester

Zertifizierte Dialogprozess-Begleiterin

Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation/Gewaltprävention

Traumapädagogik

www.Dialoggiraffe.de


Bild: pixabay.com

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