Mensch Sein

Mir fällt in diesen für mich surrealen Tagen der Refrain eines Liedes ein:

„Denn ich hab Angst um meine Freiheit

Ich hab Angst nach der Wahrheit zu fragen

Ich hab Angst vor meiner Freiheit

Ich hab Angst, mich richtig zu zeigen

Ohne Mauern und Heiligenschein

Ich hab Angst, dass wieder einer der Feind sein soll

Ich hab Angst, der Feind zu sein

Mut heißt nicht, keine Angst zu haben

Mut heißt, dass man trotzdem springt

Und ich weiß, dass man die Angst vergisst

Die Angst vergisst, wenn man singt.“

 

Ostberlin 1977. Hineingeboren in eine Diktatur. Die Farbe Rot,  in meinen Augen stehend für Feindbilder und den Tod.

Aufgewachsen in einer Familie mit pazifistischen Grundwerten. Prägend der Satz von Mahatma Gandhi:

„Keine Regierung der Welt schafft es, Menschen, die sich innerlich frei fühlen, dazu zu bringen, gegen ihren Willen zu salutieren.“

Mein biografischer Faden der mich später sowohl zum Dialog, als auch zur Gewaltfreien Kommunikation gebracht hat. Dies ist meine innere Haltung und Kraftquelle meinen Weg in den derzeitig unsicheren Zeiten zu gehen.

Ich bin aufgewühlt, erschrocken, verunsichert, fragend, bedingt durch destruktive Verhaltensweisen.

Sei es in meinem Pflegeberuf, wo mir die Haustür vor der Nase zugeschlagen worden ist, weil ich vergessen hatte meinen Mundschutz aufzusetzen. An der Kasse, wo ich aufgefordert wurde, nur noch bargeldlos zu zahlen. In der Warteschlange vor meinem Lieblingscafé mit der Aussage konfrontiert, den Mindestabstand nicht eingehalten zu haben.

Mit der Aufforderung dorthin zurück zu fahren, wo ich hergekommen bin, weil ich in einem Firmenwagen mit  Frankfurter Kennzeichen saß. Als Schleswig-Holsteinerin in Schleswig-Holstein.

Und neuerdings sprießt das Grün aus dem Sandkasten auf dem abgesperrten Spielplatz vor meiner Haustür.

In Zeiten von Corona werden für mich zwei Punkte deutlich sichtbar. Zum einen die trennende Kommunikation aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation. Bestehend aus den vier Säulen der Manipulation. Schuld, Scham, Bestrafung, Lob.

Zum anderen das innerliche Trigger in unserer traumatisierten Gesellschaft bei uns ausgelöst werden können. (Buchempfehlung: „Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ – Franz Ruppert)

Die Frage, die sich mir angesichts dieser zwei Aspekte stellt: „Ob das Milgram-Experiment (Stanley Milgram / 1961 „Fast jeder würde auf Befehl foltern“) unter Corona wieder möglich wäre?“ Meine eigene, innere Antwort auf diese Frage erschreckt mich selbst, sowie die scheinbare, mehrheitliche Forderung nach noch mehr einschränkenden Maßnahmen.

Angst

Der Falke, der über dem fliegt, was scheinbar ist. Sein ganzheitlicher Blick. Ruhig fliegt er. Lässt sich mit dem Luftstrom treiben. Von hier oben blickend. In diesen Tagen voller Angst und Panik. Unten auf einer Wiese eine Schafsherde, dicht an dicht in ein Gehege gedrängt. Gehorsam und blind folgend in ihrer Hilflosigkeit und Ohnmacht. Angst vor dem endlichen Leben.

Dort unten ein verängstigtes Lamm. Es möchte nicht in die Herde und blökt laut vor sich hin. Mit all seinem Mut und seiner Kraft stemmt es sich mit den Vorderhufen entschlossen von außen gegen das Gehege.

Der Falke blickt erstaunt runter zu dem Lamm. Beide Blicke treffen sich. Für einen kurzen Augenblick schließt der Falke seine Augen. Mit den letzten Sonnenstrahlen spürt er in sich hinein. Er lässt sich mit der Strömung des Windes nach unten treiben. Greift das Lamm mit den Krallen. Leise raunt er: „Komm ich zeige dir meine Welt.“

Tiefe Dankbarkeit durchströmt das Schaf innerlich. In diesem Augenblick des Seins tauchen beide in das wärmende, unendliche Licht der Abendsonne ein.

(Buchempfehlung: „Wider den Gehorsam“- Arno Gruen)

Ich lausche in diesen Tagen meinem eigenen, inneren Strom aus Gefühlen und Bedürfnissen und nehme dabei bewusst meine eigenen Trauma-Trigger wahr. Sie sind gekoppelt an die Bedürfnisse Schutz, Sicherheit und Vertrauen.

Das Wirkungsnetz aus Selbstempathie, Resilienzförderung, Metakompetenzen, Verbindung und Austausch sind für mich entscheidend, um nicht auf den panischen Zug des Todes aufzuspringen.

Der Tod, der durch Corona aus seiner Komfortzone in die sichtbare Mitte des Lebens gerückt ist.

„In der Welt des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe“ („Die Krönung“ – März 2020 https://charleseisenstein.org/essays/the-coronation/.de)

Der Tod trägt in diesen Tagen eine enorme Verantwortung. Sind wir uns dessen bewusst, was diese Verantwortung mit den auferlegten Maßnahmen und den damit einhergehenden natürlichen Konsequenzen und Wirksamkeiten für den Einzelnen und für die Gesellschaft bedeuten?

Förmlich höre ich den Tod aufschreien, dass er diesen Rucksack der Verantwortungsabgabe an sich nicht wollte.

Bedürfnisse wie Verbindung, radikale Selbstverantwortung, Akzeptanz und Wertschätzung werden unter dem Aufschrei sichtbar.

„Was bedeutet der Tod für dich? Hast du dir schon einmal die Zeit genommen, dieser Frage nachzugehen und auf Antworten aus der Tiefe zu lauschen? Wärest du in Frieden, wenn du jetzt von der Lebensbühne abtreten müsstest? Bist du bereit für das große Loslassen, den Moment in dem du nichts (mehr) zu sagen hast, nichts zu tun, wo alles Wollen, Sollen und Müssen ein Ende nimmt.“ (Buch „Perlen tauchen“ – The Work of Byron Katie)

Für mich gehört die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod zum Leben dazu. Ich bin dankbar und voller Demut, dass dies in meiner Familie kein Tabu ist. Für die Aussage meiner Uroma mir gegenüber als kleines Mädchen, „dass ich keine Angst vor dem Tod haben muss.“

Ein Geschenk war für mich das Begleiten meiner Cousine auf ihrem selbstbestimmten letzten Lebensabschnitt. Für meinen eigenen Weg mit einem Sternenkind. Für all die Erfahrungen, wo ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten durfte.

„Wir gehen alle zum selben Ort, wir erreichen ihn jedoch auf unterschiedlichen Wegen.“ – Byron Katie

Ich habe viele Fragen angesichts von Kontrollen, Maßnahmen, sozialer Distanz, freiwilliger Abgabe von Rechten und Quarantäne. Ich brauche den Austausch wo ich bin/sein darf.

„Du musst die Dinge mit den Augen in deinem Herzen ansehen, nicht mit den Augen in deinem Kopf.“

  • John Fire Lame Deer, Sioux-Lakota –

 

Janet Jenichen

Exam. Krankenschwester

Zertifizierte Dialogprozess-Begleiterin

Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation/Gewaltprävention

Traumapädagogik

www.Dialoggiraffe.de


Bild: pixabay.com

„Ich erhebe meine Stimme, nicht um zu schreien, sondern damit jene ohne Stimme gehört werden.“ (Malala Yousafzai)

 Der Dialogprozess und die GFK als Basis in der Traumapädagogik

Meinen ersten Berührungspunkt mit dem Thema Gewalt hatte ich selbst als Kind. Ich war sechs Jahre alt und auf einer Ferienfreizeit. Wir waren sechs Mädchen in einem Zimmer und wir waren laut an jenem Abend. Zu laut für zwei Erzieherinnen. Es war nach 22.00 und sie holten uns aus dem Zimmer nach draußen in die Kälte. Wir Mädchen „durften“ als Bestrafung rennen. Nach einigen Minuten gab es das erste Weinen und Entschuldigen von einigen Mädchen. Sie durften daraufhin ins Zimmer. Ich stinksauer im Schlafanzug rennend als Letzte. Mein innerer Motor lief auf Hochtouren. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Gedanken wie: „Nein ihr Beiden bekommt mich nicht klein und wir haben nichts getan, dass diese Bestrafung gerechtfertigt sei.“

Am nächsten Morgen bin ich zur Ferienleitung und habe mich über die Vorgehensweise beschwert. Die beiden Erzieherinnen wurden daraufhin entlassen. Bei den Mädchen galt ich als Petze und fand bei ihnen keinen Gruppenanschluss mehr. Ich habe als Kind die Welt nicht mehr verstanden und schämte mich. Für meine Würde als Kind habe ich mich eingesetzt und dabei die Gruppenzugehörigkeit verloren.

Das Thema Würde und Gehorsam zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch mein Leben, ist Teil meiner Biografie und Sinn meiner heutigen Arbeit. Dabei bildet die Traumapädagogik einen Schwerpunkt meiner Arbeit.

„Im Mittelpunkt steht die menschliche Begegnung zwischen dem einzelnen Kind/Jugendlichen und der Pädagogin. Traumapädagogik wird auch Pädagogik des „Sicheren Ortes“ beschrieben.“ (Kühn 2008,2009)

Die physische als auch psychisch Gewalt an Kindern und Jugendlichen ist Alltag in Deutschland. Laut Kriminalstatistik 2016 wurden 4204 Kinder in Deutschland schwer misshandelt. 133 Kinder überlebten dies nicht. 200 Babys kommen bundesweit hinzu die sterben oder Spätschäden davon tragen, weil sie geschüttelt wurden. Die Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Etzold (Guddat) gehen von einer höheren Zahl aus und schätzen das in Deutschland mehr als 500 Kinder jeden Tag in ihrem familiären Umfeld misshandelt werden und fast jeden Tag ein Kind durch körperliche Gewalt stirbt. Die Zahl der Opfer die später selbst zu Täter werden ist erschreckend hoch. (Buch; Michael Tsokos, Saskia Guddat, Deutschland misshandelt seine Kinder) 

Die Enquete-Kommission für den Kinderschutz in Hamburg hat im Juni 2018 69 Empfehlungen an den Senat heraus gegeben. Diese Arbeitsgruppe wurde im Dezember 2016 nach dem Tod mehrerer Kinder gegründet.

Viele Jahre später und um einige Erfahrungen reicher stand ich einem Jungen in einer Küche gegenüber, der mich anschrie, dass er mich umbringe. Ich hatte ihm sein Handy nicht schnell genug gegeben. Das war für ihn die einzige Strategie um sich zu regulieren. Mir war bewusst das er sich in der Reinszenierung seines Traumas befand.

Das Begleiten von traumatisierten Kindern und Jugendlichen stellt uns als Erwachsene vor täglichen neuen Situationen und Herausforderungen. Hilflosigkeit bei Reinszenierung, Miterleben von Flashbacks, Ekel, Angst, Scham, Schuld, sowie massive destruktive Verhaltensweisen (Aggression) können dabei eine Rolle spielen.

Eines der möglichen größten Herausforderungen für mich an uns als Erwachsene ist es bei dem Thema Trauma die Kinder und Jugendlichen empathisch, mit Humor und Leichtigkeit, sowie sanktionsfrei zu begleiten und korrigierende Beziehungsangebote im pädagogischen Alltag zu etablieren.

„Forschungsergebnisse zeigen immer wieder, dass eine Behandlung wirklich schweren Schaden anrichten kann, wenn man versucht, Menschen zu etwas zu zwingen: wenn man sie dazu bringen will, sich zu öffnen, auch wenn sie nicht dafür bereit sind, wenn man Beteiligung an der Therapie verlangt, wenn individuelle Unterschiede nicht respektiert werden.

Sicherheit ist für die Heilung entscheidend und Gewalt erzeugt Angst. Deshalb sind Therapien, die Zwang ausüben, für Trauma-Opfer gefährlich und wirkungslos.“ (Bruce D. Perry/Maia Szalavitz, Der Junge, der wie ein Hund gehalten wurde-Was traumatisierte Kinder uns über Leid, Liebe und Heilung lehren können. Kösel Verlag-6.Auflage 2014)

 Wie kann ich in eine emphatische Verbindung mit Kindern und Jugendlichen gehen, um somit korrigierende Beziehungsangebote zu etablieren, sowie sanktionsfreie Räume schaffen damit Heilung möglich ist?

 Der Dialogprozess der am 09.10.2015 in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde bildet für mich das erste Kernstück. Dieser gilt als wesentlicher Grundwert des menschlichen Zusammenlebens. Martin Bubers („Vater“ des Dialogs) Augenmerk lag besonders auf der zwischenmenschlichen Begegnung, dem Ich-Du Dialog.

Die Haltung im Dialogprozess orientieren sich an den zehn Kernfähigkeiten:

– Eine lernende Haltung einnehmen

– Radikalen Respekt zeigen

– Von Herzen sprechen

– Generativ Zuhören

– Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten

– Erkunden

– Produktivität plädieren

– Offenheit

– Verlangsamung

– Die Beobachterin beobachten

Der Dialog fordert uns Erwachsene heraus, weil er Mut zum Authentischsein und verantwortlichem Gestalten der eigenen Beziehungen benötigt. Wenn uns als Erwachsene, als Bezugspersonen der Dialog gelingt, ermöglichen wir uns selbst das Vertrauen in die Kinder diese dahingehend zu begleiten ihren eigenen Weg zu entdecken und zu gestalten.

Das zweite Kernstück bildet für mich die Gewaltfreie Kommunikation. Die GFK geht davon aus, dass alle Menschen grundsätzlich zu Achtsamkeit, Kooperation und gewaltlosem Verhalten bereit sind, wenn sie darauf vertrauen können, dass ihre Bedürfnisse ernst und wichtig genommen werden.

Die GFKals Sprache hat zum einen eine Sprachmethodik (Beobachtung,Gefühl,Bedürfnis,Bitte), zum anderen fördert sie eine empathische innere Haltung. Die empathische innere Haltung verdeutlicht klar und selbstbewusst unsere eigenen Bedürfnisse und bezieht dabei gleichzeitig offen und verständnisvoll die Bedürfnisse anderer Menschen ein.

Entscheidend in der Traumapädagogik ist der konsequente und eigenverantwortliche Umgang mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Dies gilt als Stärkung der Empathiefähigkeit – ist Grundverständnis und Quelle dafür, den Kindern und Jugendlichen vorzuleben, gut für sich sorgen zu können. Die eigene Biografiearbeit – mein roter Faden (Inneres Kind, Glaubenssätze) die eigene Resilienz, der konstruktive Umgang mit destruktiven Verhaltensmustern, sowie das Verstehen der Neurobiologie/Trauma sind weitere Bausteine im wertschätzenden Begleiten bei traumatisierten Kinder und Jugendlichen.

Wenn ich mit mir empathisch bin (Selbstempathie) kann ich als Erwachsener, die jungen Menschen in all ihren Facetten wahrnehmen und in den individuellen Lebenssituationen authentisch, respektvoll und mit Würde begegnen. Traumatisierte Kinder und Jugendliche benötigen korrigierende Beziehungsangebote (empathische Verbindung) in einem sicheren Rahmen.Damit kann Vertrauen entstehen, die Selbstwirksamkeit gefördert, destruktive Aggression abgebaut und damit das Selbstwertgefühl und Entwicklungspotential gesteigert werden. Der sichere Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen von Kindern/Jugendlichen sollte gefördert und ermutigt werden. Durch das korrigierende Beziehungsangebot kann eine neurobiologische Rekonsolidierung statt finden die entscheidend im Heilungsprozess ist. Die Neuroplastizität unseres Gehirn erlaubt es durch Empathie dysfunktionale alte Erfahrungen (Erinnerungen)im Nachhinein nicht nur zu verändern, sondern zu transformieren.

Wir Erwachsene treffen bewusst oder unbewusst eine Wahl, wie wir Kindern und Jugendlichen begegnen. Als Erwachsene und Bezugspersonen sind wir dafür verantwortlich, was wir den jungen Menschen vorleben und wie wir Kinder und Jugendliche begleiten möchten, damit Heilung möglich ist. Wir haben die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels aus eingefahrenen Verhaltensmustern heraus hin zu einer wirklich prozess- und lösungsorientierten Wahrnehmung und Kommunikation. Ich möchte diese Möglichkeit ergreifen und die Wirksamkeit des Dialogs und der GFK im  Bereich Traumapädagogik nutzen.

Meine eigene Seminarreihe und das Buch dazu heißt Drachentraum. Das Tagebuch für traumatisierte Kinder und Jugendliche erscheint voraussichtlich Ende 2019.

Janet Jenichen

exam. Krankenschwester

Dialogprozess-Begleiterin

Trainerin für GFK

Traumapädagogik

 

Gerne schlendere ich durch Buchläden. Bücher haben für mich etwas Magisches. Ich erinnere mich an Bücher von meiner Oma in Altdeutscher Schrift, wie ich diese mit der Taschenlampe als Kind unter meiner Bettdecke heimlich gelesen habe. Ein Buch von Til Eulenspiegel ist mir in Erinnerung geblieben.
An einem sonnigen Tag, lief ich ziellos in einer Stadt umher. Treiben lassen, nichts denken. Lebendigkeit und Lebensfreude pur.
Und dann war es da. Dieses Buch von Arun Gandhi „Wut ist ein Geschenk“ Ich erinnere mich an diesen Moment. Ein Gefühl von beschwingt, aufgeregt und erfreut war in mir. Sinnhaftigkeit und Selbstwertschätzung in meinem Sein durchströmten mich.

Aufgewachsen bin ich in einer Familie mit vielen unausgesprochenen wütenden aggressiven Anteilen. Als Kind war ich nach außen ruhig, zurück gezogen und funktionierend. Meine Bedürfnisse fanden kaum Ausdruck und Raum.
Als Jugendliche traf mich meine Aggression, wie ein Sturm. Ungefiltert – Unvorbereitet – Wertend – Verbal als auch körperlich ausdrückend. Mein Umfeld war erschrocken über meine Aggression. Ich höre meine Mutter heute noch deutlich zu mir sagen: „Ich weiß nicht woher diese Wut kommt.“
Für mich war es mein erwachtes inneres Kraftwerk und es zeigte sich eher destruktiv. Ich gab anderen die Schuld für meine Wut und schämte mich auch, wie diese den Ausdruck bei mir fand.
Den Kontakt zu mir, zu meinen Gefühlen und die damit zusammenhängenden Bedürfnisse zu erkennen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, dauerte einige Jahre und dauert bis heute an. Die Gewaltfreie Kommunikation war und ist für mich dabei ein wichtiger Baustein.

„Wir sollten uns nicht für unsere Wut schämen. Sie ist eine sehr gute und mächtige Sache, die uns motiviert. Aber wofür wir uns schämen müssen, ist die Art, wie wir sie missbrauchen.“ Mahatma Gandhi

Ich fragte mich oft als Frau ob meine Wut-meine Aggression sein darf. Wenn ich über Aggression nachdenke neige ich dazu dies als etwas schlechtes zu werten. Dies darf nicht sein. Ich stelle Vergleiche auf. Gedanken wie:„Aggressionen bei einem Mann sind normal, aber bei einer Frau nicht. Frauen haben eine gewisse Feundlichkeit an den Tag zu legen.“ Ich darf mich als Frau nicht mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen ausdrücken.

Selbstempathie in meinem Sein ist damit kaum möglich und somit kann ich meine Bedürfnisse nicht erkennen und erfüllen. Das Recht als Frau sich selbst auszudrücken ist keine Selbstverständlichkeit. Dies ist anscheinend auch im neuen deutschen Bundestag angekommen. Der Frauenanteil ist so gering wie zuletzt vor 19 Jahren.

Dieses „Nichtrecht“ im Ausdruck gebe ich mitunter in Verhaltensmustern als Mutter an meine Kinder weiter und das kann mitunter Auswirkungen auf ein gesundes Selbstwertgefühl des Kindes haben. Der konsequente und eigenverantwortliche Umgang und mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen gilt als Stärkung der Empathiefähigkeit – ist Grundverständnis und Quelle dafür, unseren Kindern vorzuleben gut für sich Sorgen zu können. Wenn Kinder authentische Beziehung erfahren, ist dies gleichzeitig Grunderlebnis für echte Hilfsbereitschaft und Teilhabe. Die Kinder erfahren so, dass sie gewollt sind und wollen anderen Beziehung anbieten.

Für mich ist es ein erster wichtiger Schritt meine Denkmuster zu durchbrechen. Mir bewusst zu machen, dass Wut sein darf.
Vom Verständnis der Gewaltfreien Kommunikation ist Wut ein Alarmsignal. Es sollte nicht als etwas schlechtes angesehen, abgelehnt oder unterdrückt werden. Wenn wir auf diese Weise mit Wut umgehen findet sie ihren Weg in Destruktivität die für uns und andere sehr gefährlich sein kann.
Bei Wut und Aggression unseren Gefühlen und den dahinter liegenden Bedürfnissen wahrzunehmen, anzunehmen und wertzuschätzenden Ausdruck zu verleihen führt hin zu einem konstruktiven Umgang mit mir selbst und mit anderen.

„Wut ist für einen Menschen, wie Benzin für ein Auto-sie treibt uns an, damit man weiterkommt, an einen besseren Ort. Ohne sie hätte man keinerlei Motivation, sich einen Problem zu stellen.“ Mahatma Gandhi

Ohne konstruktive Aggression würden wir keinen Sport machen, Veränderungen bewirken, jemanden verführen, Sexualität leben, unsere Kinder beschützen, unsere eigenen Grenzen bestimmen können. Einen Sozialen Wandel im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation, nicht voran bringen.

Ein Wort noch zu Kindern und Jugendlichen die destruktive Aggression zeigen. Wir als Frauen im familiären als auch im beruflichen Kontext sind gleichberechtigt mit Männern dafür verantwortlich diesem Thema Aggression wert- und moralfrei zu begegnen und gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen ihre Gefühle und Bedürfnisse herauszufinden. Dies beginnt im Beziehungsangebot, wofür wir als Erwachsene zu hundert Prozent verantwortlich sind und dem gemeinsamen Vorleben. Der Kreis schließt sich mit Fragen: „Wo hat meine Wut einen Platz?“„Wie lebe ich meine Wut als Frau?“

Ich würde mich gerne diesen Fragen gemeinsam mit euch, als Fragen des sozialen Wandels in dialogischen Kreisgesprächen stellen. Miki Kashtan greift den Dialog als ein Element für den sozialen Wandel auf.

Mit dem Dialog werden Vertrauensräume geschaffen. Ich kann über das reden, was mich gerade bewegt, ohne dass das Gesagte bewertet wird. Im Dialog erfahre ich Wertschätzung, Zugehörigkeit, Anerkennung, Respekt und Vertrauen in mich selbst. Ein wirklicher Austausch und ein gemeinsames Denken und Lernen findet statt (Containern). Eine dialogische Intelligenz kann sich entwickelt.

„Dialogische Intelligenz kann im Dialog miteinander gelernt, entwickelt und vertieft werden: im konkreten, praktischen Dialog, nicht im theoretischen Studium. Jeder bringt sein eigenes Potential zum Denken, Sprechen und Zuhören, zur Reflexion und zur Beziehung mit. Diese Fähigkeit zu vertiefen ist eine Lebensaufgabe. Eine Aufgabe, die in Beziehung und Gemeinschaft gelöst werden kann und zugleich die Gemeinschaft stärkt und entwickelt – die an Schwierigkeiten nicht scheitern muss, sondern sich gerade daran entwickeln kann.“ (Martina Hartkemeyer, Johannes Hartkemeyer, Tobias Hartkemeyer, Dialogische Intelligenz, Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG, 2015)

Liebe Frauen lebt eure Wut! Ja, ich als Frau habe ein Recht auf Authentizität und Ausdruck. Die Veränderung beginnt bei mir und es erfordert Mut Unsicherheiten zu zu lassen. Ich möchte euch einladen dies im Dialog auszudrücken und gemeinschaftlich zu erleben.

Seminarangebot auf Anfrage Dialog und GFK: www.Dialoggiraffe.de
Dialog Wut – Frau Sein mit dem Kennenlernen der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B.Rosenberg

Janet Jenichen

 


Foto „STOP!“: © André Gödecke