Solidarität wird heiß ersehnt. Während eines Langstreckenrennens in Chile fuhr ein Fahrer mit gebrochener Schulter weiter. Einige seiner Kollegen bewiesen Solidarität und schoben ihn bergauf. Photo: Nils Laengner

Ja, ich hatte am Anfang der Pandemie Angst.

Es schnürte mir den Hals zu und ich dachte, nun kann ich nicht mehr selbst bestimmen, was ich tun möchte. Plötzlich sagten mir andere Menschen, was ich tun durfte und was nicht.
Es machte mir wirklich Angst. Ich liebe Freiheit. Meine größten Sorgen waren immer, eines Tages in einer Diktatur leben zu müssen oder wegen meines Glaubens in ein Gefängnis gesteckt zu werden. Unvorstellbar, mich nicht mehr lachend und tanzend und singend durch mein Leben bewegen zu können. Oder auch nicht meine eigenen Gedanken äußern zu können und mich zu treffen, mit wem ich will und wie ich es will.
Sicher, ich brauche neben all dem auch Zeiten der Stille und der Zurückgezogenheit.
Aber so „gegängelt zu werden“ ist schlimm.

Nachdem mich diese Angst erfasst hatte und ich eine gewisse Lähmung gespürt hatte, kam noch ein Gedanke hinzu. Er lautete: „Jeder Tag hat seine eigene Sorge“.
Ich fing an, diesen Satz für mich lebendig werden zu lassen.
Ja es reicht, sich nicht alles vorzustellen, sondern jeden Tag für sich zu nehmen.
Was geht noch und was nicht? Das Lieder- und Gedichtbuch der Bibel half mir dann weiter. In vielen der so genannten Psalmen gefällt mir die ehrliche Mischung an Gedanken und Gefühlen.
Es findet Raum zu klagen, zu schreien und zu weinen. Oftmals münden diese emotionalen Äußerungen in die Wahrnehmung Gottes inmitten der Krise und eine Sicherheit, die er vermittelt.
Mich von Gott leiten zu lassen, ist für mich etwas völlig anderes, als mich in die Hände von Menschen zu begeben. Ich habe in meinem Leben so viel Weisheit Gottes erlebt, seine Schönheit genossen und seine Liebe geschmeckt, dass es mir auch jetzt wohltut, ihm zu vertrauen.

Meine Gelassenheit hin oder her:Die Pandemie erfasst uns weltweit. Sie geht über alle Grenzen hinweg und verändert unser Leben. Das geschieht nicht nur wirtschaftlich, sondern bis in die Privatsphäre hinein. In naher Zukunft könnten wir durch eine „Tracing-App“ auf unseren Smartphones ‚begleitet‘ werden. Wiewohl ich die Argumentation zur Einführung nachvollziehen kann, fühle ich mich dabei höchst unwohl.

Mein kleines Paradies ist mir nicht zu wenig

Gleichzeitig geht es mir persönlich momentan gut, weil ich zum Beispiel die Stille unserer Straße genieße. Vor der Pandemie brauste der Verkehr an unserem Haus vorbei. Den Himmel habe ich seit Jahren nicht mehr so unverstellt blau gesehen.
Ich genieße auch die würzige Frühlingsluft und unseren Garten. Unser Auto braucht seit vier Wochen noch keine neue Tankfüllung. Ohne ständiges shoppen zu gehen, kann ich gut leben. Na ja, auch ich bin gerne in kleinen feinen Läden unterwegs, aber es fehlt mir nicht wirklich. Und eine Kreuzfahrt wollte ich sowieso nie antreten.

Jeden Tag gehen mein Mann und ich morgens und abends nach draußen zu einem Spaziergang. Ich bin echt dankbar, dass wir einander nicht nur aushalten, sondern uns sehr genießen. So viele Menschen lächeln jetzt zurück, wenn wir sie anlächeln.
Wir haben Zeit, Neues zu denken und zu träumen. Wir nehmen uns Zeit, um mit Freunden aus Ruanda, dem Kongo und Südafrika zu kommunizieren. Das bleibt auch dann kostbar, wenn uns ihre bedrängte Lebenssituation dabei sehr nahe kommt. So können wir einander zumindest ein Stück weit ermutigen und trösten.

Doch kann ich dabei nicht übersehen, dass ein paar Kilometer weiter die Lebenssituation vieler Familien in Dortmund gänzlich anders aussieht.
Dort leben beispielsweise Roma Familien mit bis zu 14 Mitgliedern auf 60 qm²:
Sie haben kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Viele Kinder haben weder Spiele noch Bastelmaterialien Zuhause. Die Parks sind geschlossen.
Gibt es da Wege der Solidarität? Bewegt mich das Schicksal dieser Menschen und führt es mich zum Handeln oder hoffe ich nur auf staatliche Hilfen?

Mich hat es bewegt und dazu geführt, Kontakt zu einer Grundschule in diesem Bezirk aufzunehmen. Daraus entstand eine Hilfsaktion und wir konnten schon 260 Familien mit Bastelmaterialien versorgen. Da kommen jetzt sogar kleine Videos
aus den Zimmern mit lustigen Ideen. Aber schwer aushaltbar bleibt die Situation dennoch.

Ich freue mich zurzeit jeden Abend auf das Singen in unserer Nachbarschaft.
Der Mond ist aufgegangen singen wir, und zwar alle Strophen. Dann noch 3 andere Lieder und es ist jedes Mal berührend, wie sehr wir uns dabei anschauen und miteinander verbunden sind. Kostbare Begegnungen auf jeden Fall. Sogar eine Wohnungsvermittlung in dem Viertel fand an so einem Abend statt. Aber gestern sagte mir dann ein Lehrer, dass wir diese 20 Minuten jetzt haben. Was ist, wenn alles wieder ins Rollen kommt? Wer nimmt sich dann noch für diese 20 Minuten Zeit?
Wird es dann ein gemeinsames Singen noch geben?

Die Tour du Rwanda ist ein Straßenrennen im Land der tausend Hügel. Es ist ein Bild für einen gelungenen Wiederaufbau des Landes nach dem Genozid. Photo: Nils Laengner

Was ich unbedingt will und was unbedingt nie wieder

Nach dem Genozid in Ruanda mussten die Menschen ein am Boden liegendes Land wieder neu aufbauen. Sie haben sich gefragt, was sie unbedingt wollten und was unbedingt nie mehr sein sollte.

Wir müssen jetzt schnell zur „Normalität“ zurückkehren höre ich häufig.
Warum eigentlich? Kann es sein, dass sich manche Menschen durch den Virus wie in einer Entzugsklinik fühlen? Ja, wir spüren, wie schwer und anstrengend es sein kann, ohne bestimmte Gewohnheiten zu leben. Dabei wird uns ein Spiegel vorgehalten. Ist der Beruf, den ich ausübe, wirklich für die positive Entwicklung einer Gesellschaft hilfreich? Könnte ich meine Intelligenz und meine Kreativität nicht auch ganz anders einsetzen? Wenn wir jetzt die Chance ergreifen würden, über uns und unsere Werte, Ökonomie und unsere Ökologie nachzudenken, dann braucht das Zeit. Nur so können nachhaltige Lösungen für den ganzen Planeten wachsen und reifen. Aktuell erleben wir, wie schnell es auch technisch umsetzbar sein kann, Probleme dieser Welt anzupacken. Vor der Pandemie wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, die kommerzielle Luftfahrt derartig massiv einzuschränken.

Im Länderspiegel wurde die schrittweise Ladenöffnung in Deutschland wie folgt anmoderiert: „“Unsere Freiheit kehrt zurück, am Montag dürfen wir wieder einkaufen“. Ja, geht’s noch!
Und wollen wir wieder fröhlich das Klima vergiften? Die möglicherweise kostbaren gewordenen Zeiten mit Kindern und Familie wieder der Arbeitszeit in Unternehmen
zur Verfügung stellen?

Etwas, was mir zur Gewohnheit geworden ist zu verändern oder es erst mal auf den Prüfstand zu stellen, ist unglaublich schwer. Ich glaube, es geht dann leichter, wenn ich echte Alternativen sehe und ich es nicht alleine bewältigen muss.

Viele Sportler haben einen Traum. Und eigentlich immer ist es ein harter Weg wie hier bei der Cyclo-Cross WM der Frauen im dänischen Bogense. Photo: Nils Laengner

Leben um zu lieben

Ich träume manchmal von einer Umkehr zum Leben. Das Leben zu leben um zu lieben. Dabei geht es mir nicht um gefühlsduseligen Kitsch, sondern darum, das Beste für den Anderen und uns alle zu erhoffen. Dafür möchte ich wissen, was der Andere braucht und welche Bedürfnisse er hat.

Ich glaube daran, dass Gott weiß, was ich brauche. Ich kann deshalb in den Blick nehmen, was andere brauchen. Ehrlich gesagt fände ich einen Gott, der mich erniedrigt und einengt, wenig anziehend.
So brauchte ich ihn zum Glück nie erleben. Besonders in meiner Kindheit habe ich Gott als jemanden wahrgenommen, der mich glücklich sehen möchte. Das war überhaupt meine größte Sehnsucht. Mich und andere glücklich zu sehen. Ich hatte den Eindruck, nie perfekt sein zu müssen oder Liebe durch Leistung zu erwerben. Das scheint mir mittlerweile eine Seltenheit zu sein. So viele Menschen kenne ich, die gerade darunter sehr leiden, dass sie Perfektion und Optimierung als Bedingung für lieben und geliebt sein erleben.

Wie möchten wir leben?
Wie machen wir einander glücklich
und wann ist weniger wirklich mehr?

Mir gehen Unmengen von Fragen durch den Kopf und zu jedem angeführten Gedanken müssten noch viele weitere folgen. Alles ist nur angerissen worden und dadurch auch angreifbar. Es soll mal reichen, um euch ansatzweise an meinen Gedanken und Gefühlen Anteil haben zu lassen.

Gesund zu bleiben an Geist, Seele und Leib ist mir wichtig. Gesund bleiben im Miteinander der unterschiedlichen Lebensstile und in der Bereitschaft, mich zu verändern, wenn es der Liebe Raum gibt.

„Wir kommen alle gerne wieder zusammen“

Menschen aus anderen Kulturen zu begegnen empfinde ich oft als überraschend wunderbar. Sie sind für mich aber nicht zwingend unkompliziert . So erlebe ich das. Jetzt hatten meine Frau Ulrike und ich eine Idee. Unter dem Motto: „Dechiffrier den Code“ haben Ulrike und ich im Februar zu einem Tagesseminar eingeladen. Ulrike ist angehende Dialogprozessbegleiterin. Weil wir keine Konferenzatmosphäre wollten und auch nicht so viele Leute waren, haben wir es im Wohnzimmer genossen. Das war spitze!

Im Rahmen des Workshops hören Menschen, die sonst gerne viel reden, überraschend zu. Andere finden Raum für ihre Geschichten.
So ergeht es Francine. Bei der Frage „Wann hast du dich als fremd wahrgenommen?“ ergreift sie das Wort.
Die Lehrerin aus Goma, Demokratische Republik Kongo kenne ich seit Jahren. Darüber wie sie sich zu Beginn ihres Aufenthaltes in Deutschland gefühlt hatte, wusste ich nichts. Das hatte sie nie erzählt.

„Wir kannten gar nichts. Sie haben uns Geld gegeben und gesagt, wo wir im Supermarkt einkaufen könnten!“ erinnert sich die Mutter von vier Jungen, “aber wir waren doch mit unseren Kindern erst vor ein paar Stunden in Deutschland angekommen. Wir kannten doch gar nichts! Das war sehr schlimm für mich.“ Francine ist die Aufregung noch heute abzuspüren. „ Bei uns in Goma hätten wir die Neuankommenden bekocht, “ erzählt die Pädagogin, „ aber hier hat man uns den Schlüssel in die Hand gedrückt und uns anschließend alleine gelassen.“
Es verblüfft mich, dass die deutschen Gastgeber trotz jahrzehntelanger professioneller Erfahrungen mit internationalen Gästen deren Bedürfnisse nur bruchstückhaft kannten. Ich frage mich, wie empathisch ich wohl bin?

Auch Dirk bekommt neue Impulse. Als Lehrer der Matthias Claudius Gesamtschule in Bochum arbeitet er seit Jahren mit dem Majengo Institut Goma, DRC und dem Rainbow House of Hope Kampala, Uganda zusammen. Inzwischen hat er viele Freunde in der Hauptstadt des ostafrikanischen Landes. Er fährt hin so oft er kann. Ein alter Hase würde man sagen. Umso erstaunter war ich, als Dirk nach dem Workshop nachdenklich zusammenfasst: “Erst heute wurde mir bewusst, dass ein nein in vielen Kulturen als persönliche Ablehnung empfunden wird“.

Beim Dialog ist es wichtig, einander Raum zu geben und zuzuhören. Das Wort ist keine Waffe. Niemand soll mit Argumenten erschlagen werden. Auf einem alten Tischtuch liegen ein paar Gegenstände: ein Stein, ein Herz aus Holz, ein stacheliger Igel und eine Schublade. Diese Dinge sind nicht Teil eines Dogmas. Sie sind veränderbar aber bewusst ausgewählt.

Jean Gottfried nimmt eine kleine Schublade aus Holz. Er dreht sie in der Hand, schaut in die Runde und erzählt. „Ich hatte eben meine neue Pfarrstelle angetreten und wollte meinem Amtskollegen in der Adventszeit eine Freude machen“, sagt der promovierte Theologe, „und so bin ich mit einem Sack Kartoffeln, Reis und einer Flasche Öl mit meinen Söhnen losgegangen“. Dann stand der Kongolese in der Dämmerung vor dem Pfarrhaus. Die deutsche Frau des Kollegen öffnet die Tür. Es gab keinen Gruß. Und es kam auch nicht zu einem Vorstellen. Stattdessen provoziert die Anwesenheit des Mannes im Halbdunkel eine knappe Frage. ‚Brauchen sie Hilfe? ‘, wurde ich gefragt“, berichtet der Beauftragte für Mission, Ökumene und Weltverantwortung. Dabei schüttelt er den Kopf, um dann zu ergänzen: „Das werde ich nie vergessen!“
Obwohl sie Akademiker sind und in Deutschland arbeiten, werden sie automatisch immer wieder wie hilflose und hilfsbedürftige Menschen behandelt.
Bei dieser Episode musste ich doch sehr lachen und ich glaube, dass Jean Gottfried das gut getan hat.

Es gab bei diesem Tagesworkshop keine bezahlten Experten und keine Vorträge. Alle Teilnehmenden trugen sozusagen ihr Expertenwissen in sich. Jede einzelne Person erlebte sich hier und heute als wertvoll und freut sich auf ein nächstes Treffen. Wir haben Francine noch in die Stadt gefahren. Am Abend wollte sie für ihre Familie Kochbanen zubereiten.

Tom E. Laengner