Ein Text von Gerlinde Coch

Es war einmal im kalten Winter 2010, als die Percussioninstrumente noch alleine im Trommelstudio schliefen und das Saxophon sich nach einem Gesellen sehnte … da fand Mone eine Nummernbotschaft in der Musikbibliothek, knackte den Code und rief sogleich Linde an.

Bereits als die Instrumente einander zum ersten Mal begegneten, war es um sie geschehen. In diesem Moment entstand eine neue Sprache, die später drum@phone genannt wurde. Sie entwickelt sich bis heute immer weiter. Nach einigen Treffen, Klang- und Raum- Experimenten sowie Millionen gefühlte Rhythmen und Töne später kam ein kleines Männlein des Weges. Es lauschte ein ganze Weile und bemerkte dann wissend, es würde regelrecht verstehen, was die Instrumente einander sagten. Im Weggehen fragte es, wieso wir eigentlich unsere Musik nicht öffentlich zu Gehör bringen würden. …

Die winzige Chorturmkirche Sylbitz im Saalekreis in Sachsen-Anhalt war der erste Ort für ein Konzert im Juni 2011. Es kamen Menschen hin, die uns durch ihr aufmerksames Dasein inspirierten. Miteinander erlebten wir staunend, welche Musik sich entwickeln kann, wenn wir alle einander auch im Schweigen achtsam zuhören.

Dies wurde uns seitdem zum Ariadnefaden: Musik dort fließen zu lassen, wo Zwischentöne zu Gehör gebracht werden sollen. Vernissagen, Lesungen, spirituelle Veranstaltungen und viele Menschen suchten immer wieder unsere Resonanz und wir die ihre. Jedes Stück ausschließlich aus dem Moment heraus entstehen und verklingen lassend wehrten wir erfolgreich jeden Versuch ab, unsere Musik auf Scheiben oder Sticks ihrer Freiheit zu berauben.

Doch dann trat Covid 19, der junge winzige Magier, der Menschen einerseits isolieren und auf der anderen Seite global vernetzen kann, auf den Plan. Er hob seinen Zauberstab über uns und sprach: „Brecht auf ins world-wide-web und verbindet euch dort mit den Menschen und allen Wesen, die bereit sind, aufeinander zu hören. Jonas vom Studio der Volksbühne am Kaulenberg wird euch dabei helfen.“

Wir satteln nun Djembe, Monochord und Handpan, packen Saxophone und Schalmei und machen uns auf dem Weg Richtung Universum …

Am Sonntag, 16. Mai 2021 um 19.30 Uhr geht es los.

Wer mitkommen möchte, folge gern diesem Link:

https://volksbuehne.jonsch.net/events/gerlinde-coch/

Über Reisegefährt:innen freuen sich Mone und Linde von drum@phone

https://drumphone.jimdofree.com/

Das bundesweite Programm MITEINANDER REDEN geht in die zweite Förderrunde und sucht wieder neue Projektideen.

Aus einer aktuellen Infomails zum Programm:

Ideenwettbewerb 2. Förderrunde von MITEINANDER REDEN:
Wir verlängern die Bewerbungsfrist bis zum 25. Mai 2021 (nach Pfingsten)!
Ausführliche Informationen zu Bewerbungskriterien finden Sie auf der Webseite unter Ideenwettbewerb. Die Bewerbung am Ideenwettbewerb ist bis zum 25. Mai 2021 möglich und erfolgt ausschließlich über das Online-Formular auf der Webseite. Die Schwerpunkte und Ziele von MITEINANDER REDEN finden Sie hier.

Übrigens:

Die GEMEINSINNWERKSTATT Langerwisch wurde in den letzten 1,5 Jahren auch über MITEINANDER REDEN (erste Förderrunde) unterstützt und gefördert.
Gerne könnt Ihr mal einen Blick in das Magazin werfen, das jetzt am Ende der 1. Förderrunde von den Programmmacher*innen MITEINANDER REDEN herausgebracht worden ist.
Das Magazin bietet u.E. einen guten Einblick in das Programm und darüber welche Vorhaben gefördert werden können… (unsere Gemeinsinnwerkstatt wird auch kurz dargestellt)
Vielleicht bietet das Beschriebene auch der einen oder dem anderen einen Impuls eine eigene Dialog-Idee von MITEINANDER REDEN fördern zu lassen…

https://www.yumpu.com/de/document/read/65575826/magazin-miteinanderreden

 

 

E I N L A D U N G

Wie können wir mit der lebendigen Mitwelt kommunizieren?
ERDFEST-Austausch unter Mitwirkung von Im Dialog e.V.
Freitag, 16. April 2021, 15.00 bis 18.00 Uhr, online

»Erdfest werden« heißt, in Beziehung zum mit allen Lebewesen geteilten Sein zu
treten.
Je mehr wir lernen, die Gleichwürdigkeit nichtmenschlicher Lebensformen zu spüren,
desto größer der Respekt. Lateinisch re-spicere, »zurückschauen, noch einmal
schauen« als Wurzel von Respekt erinnert daran, wie sehr faire Beziehungsmuster
zwischen Mensch und lebendiger Mitwelt auf einem Durchbrechen oberflächlicher,
automatisierter Wahrnehmungsweisen basieren. Sind wir bereit, sorgfältig zu
schauen, zu betrachten – anstatt bloß zu beobachten und zu taxieren? Gelingt es,
aktiv zuzuhören, zu lauschen – anstatt Gehörtes bloß zu registrieren, es mental mit
Etiketten zu versehen?
»Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt wären, würde alles so erscheinen, wie
es ist: unendlich«, erklärte der englische Dichter William Blake, ein Zeitgenosse
Goethes. In unserer modernen Welt sind die »Tore der Wahrnehmung«
verbarrikadiert von eingefleischten Konditionierungen, die auf Nutzen und Kontrolle
zielen, sind überwuchert von den Zerstreuungen der Unterhaltungsindustrie.
Wodurch Entwicklungen wie das Artensterben, die Vernichtung natürlicher
Lebensräume und die Erderwärmung, genauso auch das Erodieren von Glück und von
Sinn ungebremst weitergehen.
Wie kann es gelingen, die Tore der Wahrnehmung freizulegen? Wie können wir neu
erreichbar, berührbar, empfänglich für die Präsenz des lebendigen Seins werden? Für
das, was wir mit jedem noch so geschwächten Wald, jedem noch so entrechteten
»Nutztier«, jeder noch so entwürdigten Agrarlandschaft teilen? Können Prinzipien
des Dialogs, anknüpfend an den Quantenphysiker David Bohm oder den Philosophen
Martin Buber, auch in der Kommunikation mit nichtmenschlichen Lebewesen
fruchtbar werden? Was würde es bedeuten, die Sphäre des Sozialen über uns
Menschen hinaus auf alle Lebewesen auszuweiten? Worin liegt die politische
Dimension solchen bewussten In-Beziehung-Tretens mit dem Lebendigen?

ZUR MITWIRKUNG EINGELADEN sind alle, die Wege hin zu einer
lebensfördernden Gesellschaft suchen und ebnen.

IMPULSE UND PROZESSBEGLEITUNG:
Hildegard Kurt und Nadja Rosmann (ERDFEST Initiative)
Jana Marek und Katharina Frass (Im Dialog e.V.)

KOSTEN: Keine
Um ANMELDUNG wird gebeten. Die angemeldeten Personen erhalten in
Vorfeld der Zusammenkunft das Programm sowie die Zugangsinfos zum
digitalen Begegnungsraum.

„Was erfahre ich von dir?“

Foto: Ulrike Pabinger


Gefördert von:

Einladung als PDF

 

 

Obwohl Leipzig nur einen Steinwurf weit von meiner Heimatstadt entfernt liegt, habe ich doch jetzt erst mitbekommen, dass es da im Dezember eine bemerkenswerte Aktion unter dem Titel „The Citizen is Present“ gab: Durch gegenseitiges sich anschauen und sehen ins Hier und Jetzt kommen und damit ein bewusster, präsenter Teil des öffentlichen Raumes werden.

Das Format ist angelehnt an das Kunstprojekt The Artist is Present der Künstlerin Marina Abramovic aus dem Jahr 2010.

Habe Freude daran, wenn auf solch kreative Weise Gegenwärtigkeit, Begegnung und spontane Verbundenheit im öffentlichen Raum öfter mal zu ihrem Recht kommen!

André Gödecke

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Prozessbegleiter war ich von 2018 bis 2019 für eine dialogische Gesprächsreihe mit Grundschullehrer*innen und Horterzieher*innen in meiner Heimatstadt Halle (Saale) engagiert. Sie alle waren irgendwie unzufrieden mit dem oftmals von Frust und Vorurteilen geprägten Verhältnis zwischen beiden Professionen – und den daraus resultierenden Reibungsverlusten in der Zusammenarbeit (bzw. Nicht-Zusammenarbeit). Sie wollten mehr voneinander hören und gemeinsam darüber nachdenken, wie Austausch und Kooperation künftig besser gelingen können.
Zu Beginn der Gesprächsreihe lud ich die Beteiligten dazu ein, in zwei Gruppen mithilfe verschiedener Materialien jeweils eine Insel zu erschaffen: eine Insel namens „Hort“ – gestaltet von den Erzieher*innen, sowie eine Insel namens „Schule“ – gestaltet von den Lehrer*innen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Schatz – denn schließlich ist so eine Insel viel interessanter, wenn dort irgendwo ein vergrabener Schatz schlummert.
Eine Phase emsigen Werkelns begann und ich wartete gespannt auf die Vorstellung der Ergebnisse:
Die Hort-Insel präsentierte sich bunt und vielfältig – Spiel und soziales Lernen hatten auf ihr ebenso einen festen Platz wie Kreativität und ein sehr weit gefasster Bildungsbegriff. Leider wurde die Idylle etwas getrübt durch allerlei schwierige institutionelle Rahmenbedingungen.
Die Schulinsel dagegen kam als ein auffallend schroffer Ort daher – geprägt von Personalmangel, Dauerbelastung und jeder Menge MÜSSEN. Eine dunkle Symbolfigur namens „Kultusminister“ thronte über all dem und bürdete den eh schon gestressten Pädagog*innen immer neue zusätzliche Aufgaben bürokratischer Natur auf.
Etwas beklommen fragte ich nach dem Verbleib des Schatzes – und erntete erstmal nachdenkliches Schweigen. Plötzlich jedoch huschte ein Lächeln über das Gesicht einer Schulleiterin:

„Der Schatz, das sind diese vertrauensvollen Gespräche zwischen Kindern und Lehrern, welche in der Regel außerhalb des Unterrichts stattfinden! Hier geht es um persönliche Themen, hier spielen Gefühle eine Rolle. Dabei agieren wir weniger aus unserer Lehrerrolle heraus, sondern begegnen uns eher von Mensch zu Mensch.“ „Hier“ – so die Frau wörtlich – „hat an der Schule die Menschlichkeit ihren Ort!“

Das Konzept „ALLE WETTER – Kreisgespräche mit Gruppen“ hat zum Ziel, jene Qualität, von der die Schulleiterin sprach, bewusst zu verwirklichen – und zwar im regulären Schulgeschehen bzw. „Unterrichtsbetrieb“, und nicht nur bei informellen, sich mehr oder weniger zufällig ergebenden Gelegenheiten. Schließlich verbringen – wenn nicht gerade mal wieder Lockdown ist – sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die Pädagog*innen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in diesem Kasten namens Schule. Da sind die Qualität der Beziehungen, das Schulklima und das Miteinander in der Klasse von entscheidender Bedeutung fürs Wohlergehen und die persönliche Entwicklung.
Ich hoffe, dass nach Corona in unseren Schulen nicht nur das Aufholen versäumten Lernstoffes im Mittelpunkt steht, sondern einmal mehr auch Zeit für Gespräche, Zuhören und für die Aufarbeitung der zurückliegenden Monate eingeräumt wird! Ich hoffe, dass Pädagog*innen wenigstens erstmal innehalten und durchatmen, wenn von Ihnen verlangt wird, die im Lockdown erfolgte Beeinträchtigung kindlicher Lebensqualität durch Erhöhung des Lernpensums und Ausübung von Druck fortzusetzen.

ALLE WETTER vermittelt eine strukturierte Vorgehensweise, aber vor allem auch eine Haltung, die den Austausch persönlichen Erlebens, das achtsame Zuhören und vor allem das In-der-Schwebe-halten von Urteilen und Ratschlägen ermöglicht. Ebenso spielt das empathische Eingehen auf starke Emotionen, Vorwürfe usw. eine Rolle. Grundlagen bilden die dialogische Haltung (David Bohm, Martin Buber), die Gewaltfreie Kommunikation (Marshall Rosenberg) sowie indigene Traditionen der Verständigung im Kreis (Council).
Der Gesprächsansatz stärkt nach den bisher vorliegenden Erfahrungen auch jene Pädagog*innen und Führungskräfte, denen ein gleichwürdiges und wertschätzendes Miteinander am Herzen liegt. Sie bekommen ein Werkzeug an die Hand, mit dessen Hilfe sie in ihrem Wirkungsbereich erfolgreich einen echten Unterschied im Miteinander und im Umgang mit Konflikten bewirken können – das stärkt ihre Position, auch in einem oft eher traditionell-hierarchisch geprägten Umfeld.
Weitere Informationen zu ALLE WETTER findet ihr auf https://allewetter.org/

Gerne veröffentlichen wir an dieser Stelle Fundstücke, die uns Vereinsmitglieder oder Freunde ans Herz legen – vielleicht auch als Dialog-Vorlage! Heute ein Text von Johannes Denger, empfohlen von Johannes Schopp und Inge Willwacher:
https://info3-verlag.de/zeitschrift-info3/januar-2020/alle-bloed-ausser-mir/


Nach wie vor finden in Halle regelmäßig Dialoge unter freiem Himmel statt – völlig Corona-konform als Gespräche im Format des dialogischen Spaziergangs!

Beim letzten Mal am 12. Januar war Radio Corax dabei und führte Interviews mit zwei beteiligten Menschen. Hier findest du den knapp 10minütigen Beitrag:


Am 2. Februar geht es weiter – guckst du hier:

https://dialogunterfreiemhimmel.wordpress.com/

Dialog bietet einen Raum, in dem Begegnung, Vielfalt und gemeinsames Nachdenken zum Tragen kommen. Er lädt dazu ein, sich einzulassen auf Gedanken, die neu sind, zum Kern eines Themas vorzudringen und sich einander in Ehrlichkeit zuzuwenden.
Immer wieder heißt es: Dialog ist schwer zu erklären, er muss sich entfalten, man kann ihn nur erfahren. Dialog nach diesem Verständnis setzt bestimmte Fähigkeiten voraus, wie wirkliches Zuhören, Erkennen und In-der-Schwebe-halten eigener Vorannahmen u.a. Gleichzeitig bildet er die „Übungsmatte“ zum Erlangen und Vertiefen eben dieser Fähigkeiten.

Das Dilemma vom Dialog begeisterter Menschen besteht also darin, für etwas zu werben, das nur durch Erfahrung erfasst werden kann, weil der Zauber sich erst mitten im Tun erschließt. Obendrein lässt sich dialogische Qualität – selbst bei bester Vorbereitung und größtmöglicher Achtsamkeit – nicht verlässlich „machen“.

Wie können wir also im Stadtbild etwas sichtbar machen, das seinem Wesen nach immateriell oder feinstofflich ist – etwas, das eine besondere Qualität der Verständigung zwischen Menschen betrifft? Wie können wir dem Eindruck entgegen wirken, dass hier lediglich ein paar in die Jahre gekommene Hippies quatschend im Kreis auf der Wiese herumhocken? Wie können wir vermitteln, dass da etwas  Spannendes passiert und dass es was zu verpassen gibt, wenn man nicht mit Platz nimmt?

Am Küchentisch anno Corona 2020, fassten wir den Entschluss, Dialog unter freiem Himmel nicht nur als soziales, sondern auch als ästhetisches Projekt zu begreifen und der Frage der „Hardware“ intensive Aufmerksamkeit zu schenken: Zwanzig ultra-leichte Klappstühle eines Outdoorherstellers, Überwürfe (Don´t call it HUSSEN!) aus himmelblauem Markisenstoff, kombiniert jeweils mit einem isolierenden Sitzkissen, an der Rückseite mit einem gestickten Logo versehen. Den sprichwörtlichen Punkt auf das i setzt ein Rundtuch aus eben jenem Stoff für die gestaltete Mitte!

Diese Vision bedeutete für uns konkret: Antragstexte verfassen, virtuelle Kataloge durchforsten, uns mit Lichtechtheit von Stoffen beschäftigen, Logos ent- und verwerfen, an Schnittmustern herumzirkeln, Nähmaschinen heißlaufen lassen, uns zwischen Stickerei und Siebdruck entscheiden, beim Telefonieren mit dem Kundendienst eines Möbelhändlers mühsam um Fassung ringen …
Als wir aber nun an diesem grauen und nasskalten Tag im Januar das Ergebnis all der Mühen für einen Moment still auf uns wirken ließen, hatten wir das Gefühl, dass sich das alles wirklich gelohnt hat. Auch Spaziergänger*innen blieben neugierig stehen und fanden anerkennende Worte.

Wir bedanken uns mit einem bunten Bumenstrauß für die ermutigende monetäre Unterstützung zur Anschaffung des Materials beim Hallianz-Engagementfonds und der Halleschen Bürgerstiftung, denen die Förderung von Demokratie und Weltoffenheit in unserer Stadt am Herzen liegt!

Auf dem Wunschzettel für dieses Jahr steht übrigens die Anschaffung (oder Mit-Nutzung) eines Lasten-Dreirades, um das Dialog-Equipment flexibel dort nutzen zu können, wo es gebraucht wird: auf öffentlichen Plätzen, vorm Rathaus, auf Schulhöfen, auf dem Unicampus, auf einem grünen Hügel überm Saaletal, in Kirchgemeinden, bei Vereinen und Wohnungsgesellschaften, im Rahmen von Bürger*innendialogen, auf Straßenfesten, Demos usw. – Dialog auf Rädern sozusagen 🙂

Weiterführende Links:

Gerlinde Coch
André Gödecke
Dialog unter freiem Himmel
Hallianz für Vielfalt
Bürgerstiftung Halle
Im Dialog e.V.
Videoclip Dialog unter freiem Himmel 2018 in Potsdam


Wie kann ich als Interessierte*r dazustoßen?

Geh auf die Projektseite dialogunterfreiemhimmel.de – hier findest die aktuellen Termine und Informationen – auch mit Blick auf die jeweils geltenden Anti-Corona-Regeln!

Was ist Dialog unter freiem Himmel?

Es handelt sich um Kreisgespräche im öffentlichen Raum zu Themen und Fragen, welche für die Beteiligten von besonderem Interesse sind – z.B. aktuelle gesellschaftspolitische Themen, anstehende städtebauliche Entscheidungen, besseres Kennenlernen von Nachbarn usw.
Dialog unter freiem Himmel knüpft an traditionelle Formen gemeinschaftlicher Verständigung an – z.B. an die antike Agora oder die indigene Tradition des Großen Rates – und legt besonderen Wert auf wertschätzende Gesprächskultur und das Willkommenheißen von Vielfalt. Grundlage ist ein Verständnis von Dialog, welches auf gegenseitigem Respekt, achtsamem Zuhören und ergebnisoffenem gemeinsamen Erkunden beruht: Verschiedene, auch gegensätzliche Positionen werden nicht durch Schlagabtausch „ausdiskutiert“, sondern bekommen erstmal einfach nur Raum, werden gemeinsam betrachtet, beredet. Sie werden wie Puzzleteile eines anfangs noch nicht bekannten Bildes betrachtet – im Laufe des Gespräches gibt es dann Aha-Effekte, werden neue Perspektiven eingenommen, neue Gedanken und Ideen geboren.
Um eine solche Qualität zu erreichen und zu halten, braucht es eine einladende, achtsame Atmosphäre und in der Regel auch Begleitung durch erfahrene dialoginteressierte Menschen. Diese  sorgen mit ihrer Haltung und ggf. auch durch geeignete Interventionen dafür, dass das Gespräch nicht in Polemik, Debatte oder Besserwisserei kippt.
Jeder Kreisdialog beginnt mit einer Begrüßung, ggf. einer Einführung in das zugrunde liegende Dialogverständnis und einer Check-in-Runde, in der alle Teilnehmenden zu Beginn kurz etwas zu sich sagen. Anschließend laden die Dialogbegleiter*innen anhand einer Fragestellung zum Austausch ein. Neben Dialogemfehlungen (Siehe weiter unten) kommen dabei auch Sprechgegenstände zum Einsatz, welche dazu beitragen, dass genug Raum für das, was gesagt werden möchte, entsteht. Ist die Zeit um, laden die Prozessbegleiter*innen alle Teilnehmenden jeweils noch einmal zu einem persönlichen Schlusswort ein.

Dialog unter freiem Himmel versteht sich als ein Ort der Verständigung und des gemeinsamen Lernens auf der Basis von gegenseitigem Respekt, Weltoffenheit und Vielfalt. Wir dulden keine Verbreitung von rechtem Gedankengut, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie und anderen Arten von Diskriminierung und menschenverachtenden Weltanschauungen.

Warum Dialog unter freiem Himmel?

Herkömmliche Formen der Verständigung wie Debatten, Expert*innengespräche oder Pro- und Contra-Diskussionen führen häufig zu Ergebnissen, welche viele Beteiligte nicht nur unzufrieden zurücklassen, sondern oft auch neue Schwierigkeiten schaffen. In der Folge erleben sich Menschen als getrennt voneinander und wenig wirksam. Es scheint, als könnten die anstehenden Fragen und Probleme nur durch ein „Machtwort“ von Expert*innen oder anderen Autoritäten gelöst werden. Eine der Auswirkungen solcher Erfahrungen ist die zunehmend zu beobachtende Isolierung und der Eindruck eigener Handlungsunfähigkeit – ein Nährboden für Rückzug ins Private, Entsolidarisierung und politisches Desinteresse.

Dialog unter freiem Himmel setzt diesem Trend etwas entgegen: Die dort praktizierte dialogische Verständigung bietet den Teilnehmenden Gelegenheit, eigene Erfahrungen mit achtsamer, wertschätzender und demokratiefähiger Kommunikation zu machen und diese als Haltung in ihr Denken, Sprechen und Handeln zu integrieren. In der Weise, wie Menschen im Gespräch Wertschätzung und Annahme als Person erfahren, werden sie auch nach und nach dazu fähig, mit anderen in gleicher Weise umzugehen.

Offene Dialoge beinhalten darüber hinaus die Chance, dass sich ein neues Denken entwickeln kann, welches die Grundlage für eine offene und vielfältige Gesellschaft bildet, in der Menschen über die Grenzen von Generationen, Kulturen und politischen Zugehörigkeiten hinaus durch den Austausch voneinander lernen. Auf diese Weise können sie einen Beitrag zur dringend notwendigen Stabilisierung demokratischer Gesellschaftsstrukturen leisten.

Dialog-Empfehlungen

Folgende Empfehlungen* helfen uns, eine achtsame Gesprächsatmosphäre zu schaffen:

  • Jede/Jeder genießt den gleichen Respekt.
  • Ich mache mir bewusst, dass meine „Wirklichkeit“, nur ein Teil des Ganzen ist.
  • Ich genieße das Zuhören.
  • Ich brauche niemanden von meiner Sichtweise zu überzeugen.
  • Ich verzichte darauf, (m)eine Lösung über den Lösungsweg meines Gegenüber zu stellen.
  • Wenn ich von mir rede, benutze ich das Wort „Ich“ und spreche nicht von „man“
  • Bevor ich rede, nehme ich mir einen Atemzug Pause.
  • Ich rede von Herzen und fasse mich kurz.
  • Ich vertraue mich neuen Sichtweisen an.
  • Ich nehme Unterschiedlichkeit als Reichtum wahr.

*Johannes Schopp: „Eltern stärken. Die Dialogische Haltung in Seminar und Beratung“ (Verlag Barbara Budrich, 2019)

Die Frau aus der Nachbarschaft geht gekrümmt und alltagsmaskiert an mir vorüber, in der rechten Hand eine Packung Toilettenpapier, in der linken eine prall gefüllte HUNDE-NETTO-Tüte. Mein stiller Gruß bleibt unerwidert – vielleicht hat sie ihn durch die vom Nieselregen beschlagene Brille einfach nicht wahrgenommen. Oder es ist jetzt so weit: Die Welt geht unter und auch ich sollte mich mit Classic XXL Klopapier, Fleischkonserven und billigem Rotwein eindecken! Was ist, wenn das niemals aufhört mit dem „Social distancing“?  Was ist, wenn der orangene Typ am Ende vier weitere Jahre im Weißen Haus verbleibt und – Überraschung! – der Söder im nächsten Jahr Kanzler wird?

Beim ersten Lockdown schien trotz aller Verunsicherung alles noch irgendwie easy: Der Frühling und die ausgefallenen Termine verführten zu ausgiebigen Spaziergängen, sogar ein Hauch von Abenteuer lag angesichts einer „Naturkatastrophe light“ in der Luft – zumindest hierzulande. Jetzt stehen dunkle, nasskalte Wochen bevor, eine Seminarabsage folgt der nächsten und es fängt an wehzutun. „Wir holen das, sobald es geht, nach!“  Ja, wann denn, bitteschön? Soll ich, weil dann ja so viel nachzuholen sein wird, etwa wochenlang 24/7 durcharbeiten? Beherbergungsverbot trifft Ponyhof.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Ego: Natürlich ist das etwas angefressen, wenn es glauben soll, dass so profane Dinge wie Abstand halten oder der Verzicht auf reihenweise Umarmungen dazu beitragen sollen, am Ende eine bestimmte Anzahl von Leben zu retten. Was ist das schon gegen den Mut, sagen wir mal, eines Oskar Schindler? Würde Martin Luther King, wenn er noch lebte, die „AHA-Regeln“ einhalten? Was für eine alberne Frage, kleines Ego – ich bin sicher du kennst die Antwort!

Denke ich an mutige Menschen wie Malala Yousafzai, Edward Snowden oder an Recep Gültekin und Mikail Özen – also an Zeitgenoss*innen, die sich trotz Bedrohung und widrigster Umstände nicht den Schneid abkaufen lassen, wird mir eines immer klarer: Ich kann auch an furchbar düsteren November-Shutdown-Tagen morgens aufstehen und selber entscheiden, wie ich in den Tag gehe und worauf ich meine Aufmerksamkeit richte – denn bekanntlich folgt das Handeln der Aufmerksamkeit. Ich kann heute beeinflussen, welche Geschichte ich mir in ein paar Jahren über meinen Weg in Zeiten von Corona erzählen werde, und ich lasse mir von niemandem ausreden, einmal mehr auf die Chancen zu sehen und darauf zu vetrauen, dass das Leben im Grunde gut ist und nach Vervollkommnung strebt – daran ändern auch der orangene Typ, der Söder und der HUNDE-NETTO nichts.

Welche Geschichte möchtest DU dir in ein paar Jahren über diese Zeit erzählen? Was beschäftigt gerade deine Aufmerksamkeit? Was lässt dich innerlich und äußerlich stark sein – gegen Viren und andere Zumutungen? Gerne die Kommentarfunktion nutzen!

www.andregoedecke.de

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