Die Frau aus der Nachbarschaft geht gekrümmt und alltagsmaskiert an mir vorüber, in der rechten Hand eine Packung Toilettenpapier, in der linken eine prall gefüllte HUNDE-NETTO-Tüte. Mein stiller Gruß bleibt unerwidert – vielleicht hat sie ihn durch die vom Nieselregen beschlagene Brille einfach nicht wahrgenommen. Oder es ist jetzt so weit: Die Welt geht unter und auch ich sollte mich mit Classic XXL Klopapier, Fleischkonserven und billigem Rotwein eindecken! Was ist, wenn das niemals aufhört mit dem „Social distancing“?  Was ist, wenn der orangene Typ am Ende vier weitere Jahre im Weißen Haus verbleibt und – Überraschung! – der Söder im nächsten Jahr Kanzler wird?

Beim ersten Lockdown schien trotz aller Verunsicherung alles noch irgendwie easy: Der Frühling und die ausgefallenen Termine verführten zu ausgiebigen Spaziergängen, sogar ein Hauch von Abenteuer lag angesichts einer „Naturkatastrophe light“ in der Luft – zumindest hierzulande. Jetzt stehen dunkle, nasskalte Wochen bevor, eine Seminarabsage folgt der nächsten und es fängt an wehzutun. „Wir holen das, sobald es geht, nach!“  Ja, wann denn, bitteschön? Soll ich, weil dann ja so viel nachzuholen sein wird, etwa wochenlang 24/7 durcharbeiten? Beherbergungsverbot trifft Ponyhof.

Dann wäre da noch die Sache mit dem Ego: Natürlich ist das etwas angefressen, wenn es glauben soll, dass so profane Dinge wie Abstand halten oder der Verzicht auf reihenweise Umarmungen dazu beitragen sollen, am Ende eine bestimmte Anzahl von Leben zu retten. Was ist das schon gegen den Mut, sagen wir mal, eines Oskar Schindler? Würde Martin Luther King, wenn er noch lebte, die „AHA-Regeln“ einhalten? Was für eine alberne Frage, kleines Ego – ich bin sicher du kennst die Antwort!

Denke ich an mutige Menschen wie Malala Yousafzai, Edward Snowden oder an Recep Gültekin und Mikail Özen – also an Zeitgenoss*innen, die sich trotz Bedrohung und widrigster Umstände nicht den Schneid abkaufen lassen, wird mir eines immer klarer: Ich kann auch an furchbar düsteren November-Shutdown-Tagen morgens aufstehen und selber entscheiden, wie ich in den Tag gehe und worauf ich meine Aufmerksamkeit richte – denn bekanntlich folgt das Handeln der Aufmerksamkeit. Ich kann heute beeinflussen, welche Geschichte ich mir in ein paar Jahren über meinen Weg in Zeiten von Corona erzählen werde, und ich lasse mir von niemandem ausreden, einmal mehr auf die Chancen zu sehen und darauf zu vetrauen, dass das Leben im Grunde gut ist und nach Vervollkommnung strebt – daran ändern auch der orangene Typ, der Söder und der HUNDE-NETTO nichts.

Welche Geschichte möchtest DU dir in ein paar Jahren über diese Zeit erzählen? Was beschäftigt gerade deine Aufmerksamkeit? Was lässt dich innerlich und äußerlich stark sein – gegen Viren und andere Zumutungen? Gerne die Kommentarfunktion nutzen!

www.andregoedecke.de

Foto: © Erwin Wodicka   – fotolia.com/Adobe Stock

 

 

 

 

Ja, Sie haben richtig gelesen: SOCIAL DISDANCING
Nicht Kleinmut, Unmut oder Übermut öffnen die Türen zur neuen Wirklichkeit, – sondern Mut und Anmut!

Hier geht´s zum Artikel (PDF)!

Solidarität wird heiß ersehnt. Während eines Langstreckenrennens in Chile fuhr ein Fahrer mit gebrochener Schulter weiter. Einige seiner Kollegen bewiesen Solidarität und schoben ihn bergauf. Photo: Nils Laengner

Ja, ich hatte am Anfang der Pandemie Angst.

Es schnürte mir den Hals zu und ich dachte, nun kann ich nicht mehr selbst bestimmen, was ich tun möchte. Plötzlich sagten mir andere Menschen, was ich tun durfte und was nicht.
Es machte mir wirklich Angst. Ich liebe Freiheit. Meine größten Sorgen waren immer, eines Tages in einer Diktatur leben zu müssen oder wegen meines Glaubens in ein Gefängnis gesteckt zu werden. Unvorstellbar, mich nicht mehr lachend und tanzend und singend durch mein Leben bewegen zu können. Oder auch nicht meine eigenen Gedanken äußern zu können und mich zu treffen, mit wem ich will und wie ich es will.
Sicher, ich brauche neben all dem auch Zeiten der Stille und der Zurückgezogenheit.
Aber so „gegängelt zu werden“ ist schlimm.

Nachdem mich diese Angst erfasst hatte und ich eine gewisse Lähmung gespürt hatte, kam noch ein Gedanke hinzu. Er lautete: „Jeder Tag hat seine eigene Sorge“.
Ich fing an, diesen Satz für mich lebendig werden zu lassen.
Ja es reicht, sich nicht alles vorzustellen, sondern jeden Tag für sich zu nehmen.
Was geht noch und was nicht? Das Lieder- und Gedichtbuch der Bibel half mir dann weiter. In vielen der so genannten Psalmen gefällt mir die ehrliche Mischung an Gedanken und Gefühlen.
Es findet Raum zu klagen, zu schreien und zu weinen. Oftmals münden diese emotionalen Äußerungen in die Wahrnehmung Gottes inmitten der Krise und eine Sicherheit, die er vermittelt.
Mich von Gott leiten zu lassen, ist für mich etwas völlig anderes, als mich in die Hände von Menschen zu begeben. Ich habe in meinem Leben so viel Weisheit Gottes erlebt, seine Schönheit genossen und seine Liebe geschmeckt, dass es mir auch jetzt wohltut, ihm zu vertrauen.

Meine Gelassenheit hin oder her:Die Pandemie erfasst uns weltweit. Sie geht über alle Grenzen hinweg und verändert unser Leben. Das geschieht nicht nur wirtschaftlich, sondern bis in die Privatsphäre hinein. In naher Zukunft könnten wir durch eine „Tracing-App“ auf unseren Smartphones ‚begleitet‘ werden. Wiewohl ich die Argumentation zur Einführung nachvollziehen kann, fühle ich mich dabei höchst unwohl.

Mein kleines Paradies ist mir nicht zu wenig

Gleichzeitig geht es mir persönlich momentan gut, weil ich zum Beispiel die Stille unserer Straße genieße. Vor der Pandemie brauste der Verkehr an unserem Haus vorbei. Den Himmel habe ich seit Jahren nicht mehr so unverstellt blau gesehen.
Ich genieße auch die würzige Frühlingsluft und unseren Garten. Unser Auto braucht seit vier Wochen noch keine neue Tankfüllung. Ohne ständiges shoppen zu gehen, kann ich gut leben. Na ja, auch ich bin gerne in kleinen feinen Läden unterwegs, aber es fehlt mir nicht wirklich. Und eine Kreuzfahrt wollte ich sowieso nie antreten.

Jeden Tag gehen mein Mann und ich morgens und abends nach draußen zu einem Spaziergang. Ich bin echt dankbar, dass wir einander nicht nur aushalten, sondern uns sehr genießen. So viele Menschen lächeln jetzt zurück, wenn wir sie anlächeln.
Wir haben Zeit, Neues zu denken und zu träumen. Wir nehmen uns Zeit, um mit Freunden aus Ruanda, dem Kongo und Südafrika zu kommunizieren. Das bleibt auch dann kostbar, wenn uns ihre bedrängte Lebenssituation dabei sehr nahe kommt. So können wir einander zumindest ein Stück weit ermutigen und trösten.

Doch kann ich dabei nicht übersehen, dass ein paar Kilometer weiter die Lebenssituation vieler Familien in Dortmund gänzlich anders aussieht.
Dort leben beispielsweise Roma Familien mit bis zu 14 Mitgliedern auf 60 qm²:
Sie haben kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Viele Kinder haben weder Spiele noch Bastelmaterialien Zuhause. Die Parks sind geschlossen.
Gibt es da Wege der Solidarität? Bewegt mich das Schicksal dieser Menschen und führt es mich zum Handeln oder hoffe ich nur auf staatliche Hilfen?

Mich hat es bewegt und dazu geführt, Kontakt zu einer Grundschule in diesem Bezirk aufzunehmen. Daraus entstand eine Hilfsaktion und wir konnten schon 260 Familien mit Bastelmaterialien versorgen. Da kommen jetzt sogar kleine Videos
aus den Zimmern mit lustigen Ideen. Aber schwer aushaltbar bleibt die Situation dennoch.

Ich freue mich zurzeit jeden Abend auf das Singen in unserer Nachbarschaft.
Der Mond ist aufgegangen singen wir, und zwar alle Strophen. Dann noch 3 andere Lieder und es ist jedes Mal berührend, wie sehr wir uns dabei anschauen und miteinander verbunden sind. Kostbare Begegnungen auf jeden Fall. Sogar eine Wohnungsvermittlung in dem Viertel fand an so einem Abend statt. Aber gestern sagte mir dann ein Lehrer, dass wir diese 20 Minuten jetzt haben. Was ist, wenn alles wieder ins Rollen kommt? Wer nimmt sich dann noch für diese 20 Minuten Zeit?
Wird es dann ein gemeinsames Singen noch geben?

Die Tour du Rwanda ist ein Straßenrennen im Land der tausend Hügel. Es ist ein Bild für einen gelungenen Wiederaufbau des Landes nach dem Genozid. Photo: Nils Laengner

Was ich unbedingt will und was unbedingt nie wieder

Nach dem Genozid in Ruanda mussten die Menschen ein am Boden liegendes Land wieder neu aufbauen. Sie haben sich gefragt, was sie unbedingt wollten und was unbedingt nie mehr sein sollte.

Wir müssen jetzt schnell zur „Normalität“ zurückkehren höre ich häufig.
Warum eigentlich? Kann es sein, dass sich manche Menschen durch den Virus wie in einer Entzugsklinik fühlen? Ja, wir spüren, wie schwer und anstrengend es sein kann, ohne bestimmte Gewohnheiten zu leben. Dabei wird uns ein Spiegel vorgehalten. Ist der Beruf, den ich ausübe, wirklich für die positive Entwicklung einer Gesellschaft hilfreich? Könnte ich meine Intelligenz und meine Kreativität nicht auch ganz anders einsetzen? Wenn wir jetzt die Chance ergreifen würden, über uns und unsere Werte, Ökonomie und unsere Ökologie nachzudenken, dann braucht das Zeit. Nur so können nachhaltige Lösungen für den ganzen Planeten wachsen und reifen. Aktuell erleben wir, wie schnell es auch technisch umsetzbar sein kann, Probleme dieser Welt anzupacken. Vor der Pandemie wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, die kommerzielle Luftfahrt derartig massiv einzuschränken.

Im Länderspiegel wurde die schrittweise Ladenöffnung in Deutschland wie folgt anmoderiert: „“Unsere Freiheit kehrt zurück, am Montag dürfen wir wieder einkaufen“. Ja, geht’s noch!
Und wollen wir wieder fröhlich das Klima vergiften? Die möglicherweise kostbaren gewordenen Zeiten mit Kindern und Familie wieder der Arbeitszeit in Unternehmen
zur Verfügung stellen?

Etwas, was mir zur Gewohnheit geworden ist zu verändern oder es erst mal auf den Prüfstand zu stellen, ist unglaublich schwer. Ich glaube, es geht dann leichter, wenn ich echte Alternativen sehe und ich es nicht alleine bewältigen muss.

Viele Sportler haben einen Traum. Und eigentlich immer ist es ein harter Weg wie hier bei der Cyclo-Cross WM der Frauen im dänischen Bogense. Photo: Nils Laengner

Leben um zu lieben

Ich träume manchmal von einer Umkehr zum Leben. Das Leben zu leben um zu lieben. Dabei geht es mir nicht um gefühlsduseligen Kitsch, sondern darum, das Beste für den Anderen und uns alle zu erhoffen. Dafür möchte ich wissen, was der Andere braucht und welche Bedürfnisse er hat.

Ich glaube daran, dass Gott weiß, was ich brauche. Ich kann deshalb in den Blick nehmen, was andere brauchen. Ehrlich gesagt fände ich einen Gott, der mich erniedrigt und einengt, wenig anziehend.
So brauchte ich ihn zum Glück nie erleben. Besonders in meiner Kindheit habe ich Gott als jemanden wahrgenommen, der mich glücklich sehen möchte. Das war überhaupt meine größte Sehnsucht. Mich und andere glücklich zu sehen. Ich hatte den Eindruck, nie perfekt sein zu müssen oder Liebe durch Leistung zu erwerben. Das scheint mir mittlerweile eine Seltenheit zu sein. So viele Menschen kenne ich, die gerade darunter sehr leiden, dass sie Perfektion und Optimierung als Bedingung für lieben und geliebt sein erleben.

Wie möchten wir leben?
Wie machen wir einander glücklich
und wann ist weniger wirklich mehr?

Mir gehen Unmengen von Fragen durch den Kopf und zu jedem angeführten Gedanken müssten noch viele weitere folgen. Alles ist nur angerissen worden und dadurch auch angreifbar. Es soll mal reichen, um euch ansatzweise an meinen Gedanken und Gefühlen Anteil haben zu lassen.

Gesund zu bleiben an Geist, Seele und Leib ist mir wichtig. Gesund bleiben im Miteinander der unterschiedlichen Lebensstile und in der Bereitschaft, mich zu verändern, wenn es der Liebe Raum gibt.

Nach „Corona“ wird das Leben nicht wieder so sein, wie zuvor. So sagen wir jetzt – mitten in der Zeit von 14-tägig wechselnden Einschränkungen und neuen Verordnungen für den Umgang mit uns und mit Unseresgleichen. In vieler Hinsicht wird das stimmen, die Chance einer neoökologischen Wiederbelebung neben der Gefahr wirtschaftlicher Rezession werden bereits umfangreich diskutiert.

Ein Aspekt, der mir in dieser Diskussion zur Zeit zu kurz kommt, befasst sich mit etwas, was vor und nach Corona unverändert sein wird:

Das Leben wird durch den Tod beendet. Punkt. Danach wie auch davor. Er kommt bereits mit unserer Geburt auf die Erde, lebt neben uns und und nimmt uns dann, wenn es an der Zeit ist, mit. Das wird er weiter tun: mit oder ohne COVID-19-Infektion, durch diese, trotz dieser Erkrankung, oder einfach nur neben ihr. Unveränderlich. So wie er bisher immer kam, durch alle Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Jeder Mensch braucht und bekommt irgendwann in seinem Leben einen Anlass zu sterben. Manche schon als sehr kleine Kinder, manche in hohem Lebensalter, die meisten irgendwo dazwischen. Waren die Anlässe dazu im Mittelater Pest und Cholera, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Infektionen aller Art, immer wieder Kriege bis hin zu Massenvernichtungen, so sind es in Zeiten relativen Friedens chronische Erkrankungen, die sich zu Multimorbidität summieren bis hin zu Krebs. Daneben, meist weit weg von uns, gibt es Tod durch Verhungern, Verdursten, auch durch psychische und physische Gewalt, die oft nur am Rande beschrieben werden, kaum wahrgenommen von uns satten und zufriedenen Menschen.

Wir haben es sehr weit gebracht, darin, den Tod auf Abstand zu halten, ihn nur im äußersten Notfall zu akzeptieren. Dazu hat unsere moderne Medizin Unschätzbares geleistet, das keiner von uns missen möchte.

Nun kommt da ein unscheinbarer Virus daher, ein klein wenig lebenstüchtiger als seine uns bekannten Vorgänger und erinnert uns wieder: Ihr könnt dem Sensenmann nicht entkommen. Er wird zu seiner Zeit den Platz zu Euren Füßen verlassen und aufrecht neben Euch treten, um euch aus dem Leben zu führen. Unser angeborenes Schutzsystem hat bei Angriffen, die es als bedrohlich identifiziert, zwei Varianten der Reaktion zur Verfügung: Flucht oder Lähmung. Im Moment reagieren wir kollektiv in beide Richtungen: gelähmt in den Wohnungen die einen, hektisch versuchend, den als „Feind“ erkannten Virus in beherrschbare Grenzen zu verweisen, die anderen. Menschen sind in der Versuchung, zu herrschen. Über das Leben. Über die Erde. Über den Tod.

Wie viele Lektionen müssen wir noch lernen, um diesen von Macht beseelten Thron zu verlassen und uns in einen wahren Dialog mit unseren Lebensmaximen, mit unserer Mitwelt, mit unserem persönlichen Lebensende zu begeben?

Ich bin mir der wahrhaft luxuriösen Situation bewußt, dies aus einer scheinbar sicheren Position heraus zu formulieren. Mein persönlicher Tod scheint sich derzeit noch nicht für mich zu interessieren. Dankbar bin ich den Menschen, von denen ich über viele Jahre der Arbeit in einem Hospiz lernen durfte. Sie forderten mich heraus, meine persönliche Einstellung zum Leben zu prüfen, Konsequenzen zu ziehen und einen Weg einzuschlagen, der mir tauglicher scheint, als ein von Angst geprägter. Ein Weg, der in Beziehung sein möchte zu allem, was um mich herum ist. Der mir das Vertrauen gibt, eingebettet zu sein in ein größeres Ganzes, dem ich mein Leben wie es heute ist und auch sein kommendes Ende anheimgeben darf. Das Leben findet jetzt statt. Nicht morgen, nicht gestern, sondern in diesem Moment.

Wir gönnen Menschen am Lebensende inzwischen in Deutschland eine erstklassige, an ihren Bedürfnissen auf allen Ebenen orientierte Versorgung und Betreuung, im besten Falle auch Begleitung. Nun sehen wir als Gesellschaft dem Tod ins Gesicht in Form eines Virus, der am meisten unsere alten und durch Vorerkrankungen geschwächten Mitglieder bedroht. Sofort sehen wir den Feind in ihm und füttern gemeinschaftlich unsere Angst, die dadurch überdimensional groß und mächtig wird und unser Handeln bestimmt.

 

Ich möchte dazu und darüber hinaus einige Fragen mit Menschen teilen:

  • Was benötigen wir für einen kollektiven Blickwecksel?
  • Brauchen wir eine Grenze in unserem Bestreben, uns immer weiter von Angst das Leben diktieren und bis zur Unkenntlichkeit einschränken zu lassen? Wenn ja: wie können wir diese finden?
  • Was bedeutet für uns eigentlich qualitätvolles Leben vor dem Sterben? Welche Lebensqualität möchten wir auf dieser Erde leben – jetzt, heute, jeden Tag und hier an diesem Ort?
  • Sind es wirklich Einsamkeit und Isolation, wie Covid-19 sie uns im Spiegel zeigt, die wir leben möchten und die erst im unmittelbaren Sterben dann wieder aufgehoben sein dürfen?
  • Wenn wir Menschen am Lebensende ganzheitlich und bedürfnisorientiert begleiten – was hindert uns und was kann uns förderlich sein, dies bereits in der Zeit der Blüte des Lebens füreinander zu tun?

Ich lebe und atme und freue mich der Sonne trotz der Sorge um den fehlenden Regen. Dabei ist mir sehr bewusst, dass sich meine den Tod akzeptierende Haltung sofort ganz anders darstellen kann, sobald der alte Schnitter mir selbst direkt ins Gesicht schaut.

  • Ist das Ausbleiben des Wassers vom Himmel in unseren Breiten vielleicht ein Äquivalent für das Fehlen unserer Tränen des Leidens über all das, was wir der Erde in den vergangenen Jahrhunderten angetan haben?
  • Tut es Not, gemeinsam zu trauern um das, was wir Menschen über Jahrhunderte unserer Mitwelt angetan haben, um endlich wieder frei atmen zu können?
  • Ist es Zeit, uns in Trauer zu verabschieden von der Illusion, die Erde uns untertan machen zu können, um in ein neues Leben hinein zu wachsen?

Gerlinde Coch, 20.4.2020

Bild: Moritz Schwerin  – „Odysseus im Sturm“

Ich gehöre (zumindest im Moment noch) nicht zu den alarmierten Mitmenschen, welche die Freiheit in Gefahr sehen. Innerlich frei kann mich dafür entscheiden, Einschränkungen mitzutragen, welche ich für notwendig halte.

Dennoch ist mein armes Ego natürlich auch etwas angekratzt:

Die Virolog*innen haben die Macht über- und mir mein Lieblingsspielzeug weggenommen: Die direkte Kommunikation zu zweit oder im Kreis. Menno.
Martin Buber sprach vom „Atemraum des echten Gesprächs“. Aber unser Atem gilt gerade als das Übertragungsmedium für jene winzigen Wesen, die im Hintergrund von Nachrichten oder Talkrunden gerne als riesige, mit Nelken gespickte Knetkugeln dargestellt werden. (Schonmal aufgefallen?)

Der Atemraum wird gerade mithilfe von Schutzmasken, Abstandsregeln und Kontaktverboten dazu gebracht mal Pause zu machen – und weil Drähte, Glasfasern und Funkwellen keine Viren übertragen, müssen viele unserer Gespräche jetzt in der digitalen Sphäre Asyl finden. Und so mache ich die schräge Erfahrung, mir selbst beim Sprechen zuzuschauen, amüsiere mich über mein Gegenüber, dessen Bild ausgerechnet während eines lustigen Gesichtsausdrucks eingefroren ist, oder experimentiere mit Licht, damit die Glatze nicht so grässlich schimmert. Ich lerne, auf „Hmm“ zu verzichten, weil die Verbindung manchmal so schlecht ist, dass der Ton der anderen Seite für ein paar Sekunden pausiert, sobald ich „Hmm“ sage.
Als Kind hatte ich ein Spielzeug-Morsegerät und kannte damals tatsächlich einen Teil des Morse-Alphabetes. Vielleicht sollte ich an diese verschütteten Fähigkeiten anknüpfen, damit ich mich in der Zoom-Konferenz wenigstens halbwegs verständlich machen kann. Toll. Over and out, Major Tom!

Ich erinnere mich an das Buch „Die Rättin“ von Günther Grass, das ich in den 80er Jahren las. Abwertend schrieb er darin von „Chips und Clips“, welche (sinngemäß) überflüssig wie ein Kropf seien und die Welt um keinen Deut besser machten.

Dennoch, finde ich, lohnt es sich, dieses Tänzchen zu wagen! Zwar sorgen und Chips und Clips und Bits und Bytes mitunter für blechernen Grundton und ruckelige Verständigung, aber dies muss der Tiefe und Vertrautheit der Gespräche keinen Abbruch tun. Mir fällt sogar auf, dass ich seit dem Shutdown viel mehr Gespräche, Chats, Mailaustausche habe, die von Herzlichkeit, Nähe und Tiefe geprägt sind. Vielleicht liegt das auch daran, dass die übliche Betriebsamkeit gerade etwas außer Kraft gesetzt ist – und damit wohl auch jene plappernde Vielstimmigkeit, der unsere Ohren in der analogen Welt zu normalen Zeiten ausgesetzt sind.

Es ist, wie wenn sich der Abend über die Landschaft legt und das Brausen und der allgemeine Lärm nachlassen: Plötzlich nehme ich jene Geräusche und Stimmen, die jetzt da sind, viel klarer und intensiver wahr – und merke, dass meine eigene Stimme, die Worte, die ich wähle, viel deutlicher und prägnanter in ihrer Wirkung sind.

Viele vermeintliche Gewissheiten, Pläne und Routinen zerbröseln gerade oder liegen auf Eis. Der Autopilot verabschiedet sich und ich fliege auf Sicht. Bin wohl gut beraten, jenen Stimmen zu misstrauen, die vorgeben den Flugplan zu kennen und lerne wieder selbst genau hinzuschauen, hinzulauschen, hinzuspüren, meine eigenen Erfahrungen zu machen.

Was gibt es in einer solchen Phase Schöneres als echtes und rückhaltloses Gespräch? Was gibt es Hilfreicheres als gemeinsames Erkunden, ohne schon vorher die Lösung zu wissen? Und spielt es eine Rolle, ob das nun per Telefon, Email, Briefwechsel, Skype oder von Vorgarten zu Küchenfenster geschieht?

Vielleicht hat das Wort, das wir an den Anderen, an die Andere richten – und wenn es nur das sprichwörtliche „Lebenszeichen“ ist – heute einen größeren Wert und eine größere Wirkung als zu normalen Zeiten. Deswegen lohnt es sich aus meiner Sicht, einmal mehr aus der Deckung zu kommen und dazu auch Chips & Clips zu bemühen. Die Umarmungen müssen noch etwas warten – aber ich kann ja schon mal beginnen eine Liste zu führen mit später zu umarmenden Menschen 😉

Zum Abschluss möchte ich hier noch einen Text anfügen, der mir kürzlich unter der Überschrift „Meditation“ auf einem Magdeburger Veranstaltungsflyer begegnet ist.

… wussten sie schon
dass die stimme eines menschen
einen anderen menschen wieder aufhorchen lässt
der für alles taub war

wussten sie schon
dass das Wort oder das tun eines menschen
wieder sehend machen kann einen der für alles blind war
der nichts mehr sah in dieser welt und in seinem leben

wussten sie schon
dass das zeithaben für einen menschen mehr ist als geld
mehr als medikamente
unter umständen mehr als eine geniale Operation

wussten sie schon
dass das anhören eines menschen wunder wirkt
dass das wohlwollen zinsen trägt
dass ein vorschuss an vertrauen hunderfach auf uns zurückkommt …

Wilhelm Wilms


Bild: Beate Gödecke – „Corona-Frau mit Mundschutz“ (Acryl, Öl, Materialcollage) | www.beategoedecke.de
 

 

 

 

 

 

 

 

Im Rahmen des 60. Ostermarsches gab es in Langerwisch einen Stummen Dialog.

„Worauf hoffen Sie? Bringen Sie Ihre Hoffnungen auf die Straße!“

So lauteten die Frage und die Einladung an die Menschen, die – natürlich entsprechend der Vorgaben durch die Ausgangsbeschränkungen – auf ihrem Osterspaziergang an der auf die Straße gezeichneten Erdkugel vorbeikamen. Viele nutzten die bereitgestellte Kreide und schrieben dazu, was sie bewegt. Hier ein paar optische Impressionen von der Aktion:

https://www.flickr.com/gp/markusalthofflw/749802.

Foto: Markus Althoff

Die Gemeinsinn-Werkstatt Langerwisch enstand im Kontext des bundesweiten Projekts von MITEINANDER REDEN. Die InitiatorInnen, zu denen auch unsere Vereinsmitglieder Friederike Bliss und Markus Althoff gehören, möchten die BewohnerInnen ihres Ortes zu der Frage „Wie will ich hier in Langerwisch in Zukunft leben?“ in den Dialog bringen. Hier geht es zur Webseite der Initiative.

Schulen sollten nie so „ganz dicht“ sein – Blicke über den Tellerrand helfen, besser zu verstehen, was den Kern des eigenen Tuns ausmacht. Das gilt ganz besonders, wenn Begegnungen nicht dem Prinzip der größtmöglichen „Ähnlichkeit“, sondern dem der maximalen „Fremdheit“ folgen. Für das Besuchsprojekt von iranischen bei deutschen Lehrkräften, das im März 2020 gemeinsam vom Dialogue Center Teheran, dem Verein Im Dialog e.V. und der Hoffbauer gGmbH realisiert wird, gilt letzteres ganz sicher.

Die Idee für die deutsch-iranische Kooperation in Sachen Unterrichtentwicklung und Dialogisches Lernen erwuchs aus langjährigen Kontakten im Kontext des interreligiösen und interkulturellen Dialogs auf der Grundlage des Dialogverfahrens. Dieses geht wesentlich auf David Bohm und Martin Buber zurück. Im Anschluss an eine in Deutschland absolvierte Dialogausbildung gründeten eine iranische Erziehungswissenschaftlerin und ein iranischer Ingenieur gemeinsam mit anderen vor mehr als 10 Jahren das Dialogue Center Teheran. Ziel des Centers ist die Förderung der Dialogkultur im Iran. Schwerpunkt der Arbeit des Zentrums war in der Vergangenheit vor allem die Ausbildung von Dialog-Prozessbegleitern und Prozessbegleiterinnen; vor allem aktiv war es im Elterndialog und in der Elternarbeit. Mit den Workshops zum Dialogischen Lernen erweitert das Dialogue Center nun seine Tätigkeit auf den Bereich des schulischen Lernens und des Unterrichts.

Gefördert wird das Vorhaben von der Dr. Buhmann-Stiftung, Hannover und der Barbara-Schadeberg-Stiftung, Siegen.

Im Förderantrag heißt es zum damit verbundenen Anliegen: „In einer Zeit, in der das miteinander Reden und das im Dialog-Sein gerade zwischen Menschen mit unterschiedlichen religiösen und kulturellen Wurzeln wichtiger ist denn je, wollen die Initiatorinnen und Initiatoren in Deutschland und im Iran konkrete Schritte zum gegenseitigen Kennenlernen gehen. Ausgangspunkt soll dabei der Bildungsauftrag sein, den Lehrkräfte an unseren Evangelischen Schulen und Lehrkräfte an den beteiligten Schulen im Iran haben. Zugleich sollen die Grundsätze des Dialogs in der Tradition von David Bohm und Martin Buber leitend sein für den gemeinsamen Austausch. Der Schwerpunkt „Dialogisches Lernen“ schließlich markiert sowohl einen fachlichen Fokus als auch den Anspruch an die Qualität des miteinander Lernens im Rahmen des Vorhabens, das für März 2020 geplant ist.“

Im Ergebnis der Zusammenarbeit, die in Tandems organisiert sein wird, sollen unterrichtliche Prototypen entstehen, die auch in den iranischen Schulen, aus denen die Gäste kommen, erprobt werden.

In der Begegnung unterschiedlicher Menschen, unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Religionen mag sich dann vielleicht etwas von dem realisieren, was bei Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, einem persischen Dichter des 13. Jahrhunderts n.Chr., anklingt, wenn er schreibt: „Draußen, vor der Vorstellung von richtig und falsch, ist ein Land. Dort lass uns treffen!“

Seit Anfang der 2000er Jahre praktiziere ich Streitschlichtung mit Schulklassen und biete Fortbildungen für Lehrer*innen und Erzieher*innen zu diesem Thema an. Als besonders wertvoll erwies sich dabei die Gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg. Später begegnete mir die dialogische Haltung und mit ihr die Möglichkeit, behutsam und kraftvoll zugleich Raum zu schaffen – Raum für ehrliche Äußerungen, neue Gedanken und für Gefühle, deren Ausdruck Bewegung in erstarrte Situationen bringen kann.

Weiterlesen

Die Initiative Menschlichkeit als Organisatorin des Festes am 28.-30.09.18 hatte unseren Verein eingeladen, an der Gestaltung mitzuwirken. Diese Gelegenheit, den Verein und seine Ziele einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren, wollten wir ergreifen. Zu dem gewählten Titel Mensch – Würde – Geist fanden wir wunderbare Anknüpfungspunkte. Außerdem erschien die Chance ziemlich groß, auf Menschen zu treffen, die für praktische Dialogerfahrungen offen sind.

Die Impulsträger waren Doris Stalp-Kotulla, Inge Willwacher und Jens Kotulla, es kamen Eva Kirchhof, Uta Nagel, Willi Juhls, Freia Brix-Bögge und Justina Klang hinzu.

Um es vorwegzunehmen: Unser Beitrag zum Begegnungsfest in Form eines Dialogs unter freiem Himmel (in diesem Fall in einem pagodenförmigen Zelt) war ein schöner Erfolg. Das Angebot traf auf ein starkes Interesse nicht nur der BesucherInnen des Festes, sondern auch von PassantInnen. Unser Zelt stand sehr günstig an der Oskar-Hoffmann-Straße auf dem Platz vor dem Schauspielhaus, so dass wir auch von außen gut gesehen werden konnten.

Zwei Dialogrunden zum Thema „Ein würdevolles Leben“ führten wir durch. Die Teilnehmenden fanden in den Abschlussrunden warme Worte des Dankes für dieses besondere Gespräch. Und auch Worte der Anerkennung für das Dialogformat, das als wohltuend wahrgenommen wurde.

Die teilnehmenden Vereinsmitglieder fühlen sich von dieser Erfahrung ermutigt weiter zu machen und wünschen sich, dass möglichst viele Dialoge unter freiem Himmel an vielen verschiedenen Orten stattfinden. Die entsprechende Ausrüstung ist vorhanden und kann ausgeliehen werden, beim Umgang mit den Behörden und bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit leisten wir gerne Unterstützung.

So wurden wir angekündigt

Wer wird wohl kommen?

Einladung …

…angenommen!

Das Zelt ist voll.

Nach dem Dialog