Ja, sie haben richtig gelesen: SOCIAL DISDANCING
Nicht Kleinmut, Unmut oder Übermut öffnen die Türen zur neuen Wirklichkeit, – sondern Mut und Anmut!

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Liebe Dialoginteressierte und liebe Vereinsmitglieder,
aufgrund der Abstandsregelungen im Rahmen der Corona-Pandemie kann der geplante Sommerdialog in diesem Jahr leider nicht stattfinden. Deshalb haben wir uns ein kürzeres Alternativprogramm mit weniger Teilnehmenden und nur einer Übernachtung in der Katholischen Akademie in Schwerte überlegt.
Am Freitag, den 31. Juli 2020 ab 10.00 Uhr möchten wir mit euch unter anderem einen Wanderdialog durch den Schwerter Wald erleben und am Samstag, den 01. August 2020 findet zum Abschluss um 15.00 Uhr die 6. Jahreshauptversammlung unseres Vereins statt.
Dazu laden wir euch herzlich ein.
Bitte kontaktiert uns, wenn ihr euch bei der Gestaltung einbringen möchtet.
Weitere Informationen und die organisatorischen Details findet ihr in diesem PDF.
Euer Vorstand
Inge Willwacher, Johannes Schopp und Uta Nagel

 

Solidarität wird heiß ersehnt. Während eines Langstreckenrennens in Chile fuhr ein Fahrer mit gebrochener Schulter weiter. Einige seiner Kollegen bewiesen Solidarität und schoben ihn bergauf. Photo: Nils Laengner

Ja, ich hatte am Anfang der Pandemie Angst.

Es schnürte mir den Hals zu und ich dachte, nun kann ich nicht mehr selbst bestimmen, was ich tun möchte. Plötzlich sagten mir andere Menschen, was ich tun durfte und was nicht.
Es machte mir wirklich Angst. Ich liebe Freiheit. Meine größten Sorgen waren immer, eines Tages in einer Diktatur leben zu müssen oder wegen meines Glaubens in ein Gefängnis gesteckt zu werden. Unvorstellbar, mich nicht mehr lachend und tanzend und singend durch mein Leben bewegen zu können. Oder auch nicht meine eigenen Gedanken äußern zu können und mich zu treffen, mit wem ich will und wie ich es will.
Sicher, ich brauche neben all dem auch Zeiten der Stille und der Zurückgezogenheit.
Aber so „gegängelt zu werden“ ist schlimm.

Nachdem mich diese Angst erfasst hatte und ich eine gewisse Lähmung gespürt hatte, kam noch ein Gedanke hinzu. Er lautete: „Jeder Tag hat seine eigene Sorge“.
Ich fing an, diesen Satz für mich lebendig werden zu lassen.
Ja es reicht, sich nicht alles vorzustellen, sondern jeden Tag für sich zu nehmen.
Was geht noch und was nicht? Das Lieder- und Gedichtbuch der Bibel half mir dann weiter. In vielen der so genannten Psalmen gefällt mir die ehrliche Mischung an Gedanken und Gefühlen.
Es findet Raum zu klagen, zu schreien und zu weinen. Oftmals münden diese emotionalen Äußerungen in die Wahrnehmung Gottes inmitten der Krise und eine Sicherheit, die er vermittelt.
Mich von Gott leiten zu lassen, ist für mich etwas völlig anderes, als mich in die Hände von Menschen zu begeben. Ich habe in meinem Leben so viel Weisheit Gottes erlebt, seine Schönheit genossen und seine Liebe geschmeckt, dass es mir auch jetzt wohltut, ihm zu vertrauen.

Meine Gelassenheit hin oder her:Die Pandemie erfasst uns weltweit. Sie geht über alle Grenzen hinweg und verändert unser Leben. Das geschieht nicht nur wirtschaftlich, sondern bis in die Privatsphäre hinein. In naher Zukunft könnten wir durch eine „Tracing-App“ auf unseren Smartphones ‚begleitet‘ werden. Wiewohl ich die Argumentation zur Einführung nachvollziehen kann, fühle ich mich dabei höchst unwohl.

Mein kleines Paradies ist mir nicht zu wenig

Gleichzeitig geht es mir persönlich momentan gut, weil ich zum Beispiel die Stille unserer Straße genieße. Vor der Pandemie brauste der Verkehr an unserem Haus vorbei. Den Himmel habe ich seit Jahren nicht mehr so unverstellt blau gesehen.
Ich genieße auch die würzige Frühlingsluft und unseren Garten. Unser Auto braucht seit vier Wochen noch keine neue Tankfüllung. Ohne ständiges shoppen zu gehen, kann ich gut leben. Na ja, auch ich bin gerne in kleinen feinen Läden unterwegs, aber es fehlt mir nicht wirklich. Und eine Kreuzfahrt wollte ich sowieso nie antreten.

Jeden Tag gehen mein Mann und ich morgens und abends nach draußen zu einem Spaziergang. Ich bin echt dankbar, dass wir einander nicht nur aushalten, sondern uns sehr genießen. So viele Menschen lächeln jetzt zurück, wenn wir sie anlächeln.
Wir haben Zeit, Neues zu denken und zu träumen. Wir nehmen uns Zeit, um mit Freunden aus Ruanda, dem Kongo und Südafrika zu kommunizieren. Das bleibt auch dann kostbar, wenn uns ihre bedrängte Lebenssituation dabei sehr nahe kommt. So können wir einander zumindest ein Stück weit ermutigen und trösten.

Doch kann ich dabei nicht übersehen, dass ein paar Kilometer weiter die Lebenssituation vieler Familien in Dortmund gänzlich anders aussieht.
Dort leben beispielsweise Roma Familien mit bis zu 14 Mitgliedern auf 60 qm²:
Sie haben kaum Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen. Viele Kinder haben weder Spiele noch Bastelmaterialien Zuhause. Die Parks sind geschlossen.
Gibt es da Wege der Solidarität? Bewegt mich das Schicksal dieser Menschen und führt es mich zum Handeln oder hoffe ich nur auf staatliche Hilfen?

Mich hat es bewegt und dazu geführt, Kontakt zu einer Grundschule in diesem Bezirk aufzunehmen. Daraus entstand eine Hilfsaktion und wir konnten schon 260 Familien mit Bastelmaterialien versorgen. Da kommen jetzt sogar kleine Videos
aus den Zimmern mit lustigen Ideen. Aber schwer aushaltbar bleibt die Situation dennoch.

Ich freue mich zurzeit jeden Abend auf das Singen in unserer Nachbarschaft.
Der Mond ist aufgegangen singen wir, und zwar alle Strophen. Dann noch 3 andere Lieder und es ist jedes Mal berührend, wie sehr wir uns dabei anschauen und miteinander verbunden sind. Kostbare Begegnungen auf jeden Fall. Sogar eine Wohnungsvermittlung in dem Viertel fand an so einem Abend statt. Aber gestern sagte mir dann ein Lehrer, dass wir diese 20 Minuten jetzt haben. Was ist, wenn alles wieder ins Rollen kommt? Wer nimmt sich dann noch für diese 20 Minuten Zeit?
Wird es dann ein gemeinsames Singen noch geben?

Die Tour du Rwanda ist ein Straßenrennen im Land der tausend Hügel. Es ist ein Bild für einen gelungenen Wiederaufbau des Landes nach dem Genozid. Photo: Nils Laengner

Was ich unbedingt will und was unbedingt nie wieder

Nach dem Genozid in Ruanda mussten die Menschen ein am Boden liegendes Land wieder neu aufbauen. Sie haben sich gefragt, was sie unbedingt wollten und was unbedingt nie mehr sein sollte.

Wir müssen jetzt schnell zur „Normalität“ zurückkehren höre ich häufig.
Warum eigentlich? Kann es sein, dass sich manche Menschen durch den Virus wie in einer Entzugsklinik fühlen? Ja, wir spüren, wie schwer und anstrengend es sein kann, ohne bestimmte Gewohnheiten zu leben. Dabei wird uns ein Spiegel vorgehalten. Ist der Beruf, den ich ausübe, wirklich für die positive Entwicklung einer Gesellschaft hilfreich? Könnte ich meine Intelligenz und meine Kreativität nicht auch ganz anders einsetzen? Wenn wir jetzt die Chance ergreifen würden, über uns und unsere Werte, Ökonomie und unsere Ökologie nachzudenken, dann braucht das Zeit. Nur so können nachhaltige Lösungen für den ganzen Planeten wachsen und reifen. Aktuell erleben wir, wie schnell es auch technisch umsetzbar sein kann, Probleme dieser Welt anzupacken. Vor der Pandemie wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, die kommerzielle Luftfahrt derartig massiv einzuschränken.

Im Länderspiegel wurde die schrittweise Ladenöffnung in Deutschland wie folgt anmoderiert: „“Unsere Freiheit kehrt zurück, am Montag dürfen wir wieder einkaufen“. Ja, geht’s noch!
Und wollen wir wieder fröhlich das Klima vergiften? Die möglicherweise kostbaren gewordenen Zeiten mit Kindern und Familie wieder der Arbeitszeit in Unternehmen
zur Verfügung stellen?

Etwas, was mir zur Gewohnheit geworden ist zu verändern oder es erst mal auf den Prüfstand zu stellen, ist unglaublich schwer. Ich glaube, es geht dann leichter, wenn ich echte Alternativen sehe und ich es nicht alleine bewältigen muss.

Viele Sportler haben einen Traum. Und eigentlich immer ist es ein harter Weg wie hier bei der Cyclo-Cross WM der Frauen im dänischen Bogense. Photo: Nils Laengner

Leben um zu lieben

Ich träume manchmal von einer Umkehr zum Leben. Das Leben zu leben um zu lieben. Dabei geht es mir nicht um gefühlsduseligen Kitsch, sondern darum, das Beste für den Anderen und uns alle zu erhoffen. Dafür möchte ich wissen, was der Andere braucht und welche Bedürfnisse er hat.

Ich glaube daran, dass Gott weiß, was ich brauche. Ich kann deshalb in den Blick nehmen, was andere brauchen. Ehrlich gesagt fände ich einen Gott, der mich erniedrigt und einengt, wenig anziehend.
So brauchte ich ihn zum Glück nie erleben. Besonders in meiner Kindheit habe ich Gott als jemanden wahrgenommen, der mich glücklich sehen möchte. Das war überhaupt meine größte Sehnsucht. Mich und andere glücklich zu sehen. Ich hatte den Eindruck, nie perfekt sein zu müssen oder Liebe durch Leistung zu erwerben. Das scheint mir mittlerweile eine Seltenheit zu sein. So viele Menschen kenne ich, die gerade darunter sehr leiden, dass sie Perfektion und Optimierung als Bedingung für lieben und geliebt sein erleben.

Wie möchten wir leben?
Wie machen wir einander glücklich
und wann ist weniger wirklich mehr?

Mir gehen Unmengen von Fragen durch den Kopf und zu jedem angeführten Gedanken müssten noch viele weitere folgen. Alles ist nur angerissen worden und dadurch auch angreifbar. Es soll mal reichen, um euch ansatzweise an meinen Gedanken und Gefühlen Anteil haben zu lassen.

Gesund zu bleiben an Geist, Seele und Leib ist mir wichtig. Gesund bleiben im Miteinander der unterschiedlichen Lebensstile und in der Bereitschaft, mich zu verändern, wenn es der Liebe Raum gibt.

Nach „Corona“ wird das Leben nicht wieder so sein, wie zuvor. So sagen wir jetzt – mitten in der Zeit von 14-tägig wechselnden Einschränkungen und neuen Verordnungen für den Umgang mit uns und mit Unseresgleichen. In vieler Hinsicht wird das stimmen, die Chance einer neoökologischen Wiederbelebung neben der Gefahr wirtschaftlicher Rezession werden bereits umfangreich diskutiert.

Ein Aspekt, der mir in dieser Diskussion zur Zeit zu kurz kommt, befasst sich mit etwas, was vor und nach Corona unverändert sein wird:

Das Leben wird durch den Tod beendet. Punkt. Danach wie auch davor. Er kommt bereits mit unserer Geburt auf die Erde, lebt neben uns und und nimmt uns dann, wenn es an der Zeit ist, mit. Das wird er weiter tun: mit oder ohne COVID-19-Infektion, durch diese, trotz dieser Erkrankung, oder einfach nur neben ihr. Unveränderlich. So wie er bisher immer kam, durch alle Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Jeder Mensch braucht und bekommt irgendwann in seinem Leben einen Anlass zu sterben. Manche schon als sehr kleine Kinder, manche in hohem Lebensalter, die meisten irgendwo dazwischen. Waren die Anlässe dazu im Mittelater Pest und Cholera, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Infektionen aller Art, immer wieder Kriege bis hin zu Massenvernichtungen, so sind es in Zeiten relativen Friedens chronische Erkrankungen, die sich zu Multimorbidität summieren bis hin zu Krebs. Daneben, meist weit weg von uns, gibt es Tod durch Verhungern, Verdursten, auch durch psychische und physische Gewalt, die oft nur am Rande beschrieben werden, kaum wahrgenommen von uns satten und zufriedenen Menschen.

Wir haben es sehr weit gebracht, darin, den Tod auf Abstand zu halten, ihn nur im äußersten Notfall zu akzeptieren. Dazu hat unsere moderne Medizin Unschätzbares geleistet, das keiner von uns missen möchte.

Nun kommt da ein unscheinbarer Virus daher, ein klein wenig lebenstüchtiger als seine uns bekannten Vorgänger und erinnert uns wieder: Ihr könnt dem Sensenmann nicht entkommen. Er wird zu seiner Zeit den Platz zu Euren Füßen verlassen und aufrecht neben Euch treten, um euch aus dem Leben zu führen. Unser angeborenes Schutzsystem hat bei Angriffen, die es als bedrohlich identifiziert, zwei Varianten der Reaktion zur Verfügung: Flucht oder Lähmung. Im Moment reagieren wir kollektiv in beide Richtungen: gelähmt in den Wohnungen die einen, hektisch versuchend, den als „Feind“ erkannten Virus in beherrschbare Grenzen zu verweisen, die anderen. Menschen sind in der Versuchung, zu herrschen. Über das Leben. Über die Erde. Über den Tod.

Wie viele Lektionen müssen wir noch lernen, um diesen von Macht beseelten Thron zu verlassen und uns in einen wahren Dialog mit unseren Lebensmaximen, mit unserer Mitwelt, mit unserem persönlichen Lebensende zu begeben?

Ich bin mir der wahrhaft luxuriösen Situation bewußt, dies aus einer scheinbar sicheren Position heraus zu formulieren. Mein persönlicher Tod scheint sich derzeit noch nicht für mich zu interessieren. Dankbar bin ich den Menschen, von denen ich über viele Jahre der Arbeit in einem Hospiz lernen durfte. Sie forderten mich heraus, meine persönliche Einstellung zum Leben zu prüfen, Konsequenzen zu ziehen und einen Weg einzuschlagen, der mir tauglicher scheint, als ein von Angst geprägter. Ein Weg, der in Beziehung sein möchte zu allem, was um mich herum ist. Der mir das Vertrauen gibt, eingebettet zu sein in ein größeres Ganzes, dem ich mein Leben wie es heute ist und auch sein kommendes Ende anheimgeben darf. Das Leben findet jetzt statt. Nicht morgen, nicht gestern, sondern in diesem Moment.

Wir gönnen Menschen am Lebensende inzwischen in Deutschland eine erstklassige, an ihren Bedürfnissen auf allen Ebenen orientierte Versorgung und Betreuung, im besten Falle auch Begleitung. Nun sehen wir als Gesellschaft dem Tod ins Gesicht in Form eines Virus, der am meisten unsere alten und durch Vorerkrankungen geschwächten Mitglieder bedroht. Sofort sehen wir den Feind in ihm und füttern gemeinschaftlich unsere Angst, die dadurch überdimensional groß und mächtig wird und unser Handeln bestimmt.

 

Ich möchte dazu und darüber hinaus einige Fragen mit Menschen teilen:

  • Was benötigen wir für einen kollektiven Blickwecksel?
  • Brauchen wir eine Grenze in unserem Bestreben, uns immer weiter von Angst das Leben diktieren und bis zur Unkenntlichkeit einschränken zu lassen? Wenn ja: wie können wir diese finden?
  • Was bedeutet für uns eigentlich qualitätvolles Leben vor dem Sterben? Welche Lebensqualität möchten wir auf dieser Erde leben – jetzt, heute, jeden Tag und hier an diesem Ort?
  • Sind es wirklich Einsamkeit und Isolation, wie Covid-19 sie uns im Spiegel zeigt, die wir leben möchten und die erst im unmittelbaren Sterben dann wieder aufgehoben sein dürfen?
  • Wenn wir Menschen am Lebensende ganzheitlich und bedürfnisorientiert begleiten – was hindert uns und was kann uns förderlich sein, dies bereits in der Zeit der Blüte des Lebens füreinander zu tun?

Ich lebe und atme und freue mich der Sonne trotz der Sorge um den fehlenden Regen. Dabei ist mir sehr bewusst, dass sich meine den Tod akzeptierende Haltung sofort ganz anders darstellen kann, sobald der alte Schnitter mir selbst direkt ins Gesicht schaut.

  • Ist das Ausbleiben des Wassers vom Himmel in unseren Breiten vielleicht ein Äquivalent für das Fehlen unserer Tränen des Leidens über all das, was wir der Erde in den vergangenen Jahrhunderten angetan haben?
  • Tut es Not, gemeinsam zu trauern um das, was wir Menschen über Jahrhunderte unserer Mitwelt angetan haben, um endlich wieder frei atmen zu können?
  • Ist es Zeit, uns in Trauer zu verabschieden von der Illusion, die Erde uns untertan machen zu können, um in ein neues Leben hinein zu wachsen?

Gerlinde Coch, 20.4.2020

Bild: Moritz Schwerin  – „Odysseus im Sturm“

Ich gehöre (zumindest im Moment noch) nicht zu den alarmierten Mitmenschen, welche die Freiheit in Gefahr sehen. Innerlich frei kann mich dafür entscheiden, Einschränkungen mitzutragen, welche ich für notwendig halte.

Dennoch ist mein armes Ego natürlich auch etwas angekratzt:

Die Virolog*innen haben die Macht über- und mir mein Lieblingsspielzeug weggenommen: Die direkte Kommunikation zu zweit oder im Kreis. Menno.
Martin Buber sprach vom „Atemraum des echten Gesprächs“. Aber unser Atem gilt gerade als das Übertragungsmedium für jene winzigen Wesen, die im Hintergrund von Nachrichten oder Talkrunden gerne als riesige, mit Nelken gespickte Knetkugeln dargestellt werden. (Schonmal aufgefallen?)

Der Atemraum wird gerade mithilfe von Schutzmasken, Abstandsregeln und Kontaktverboten dazu gebracht mal Pause zu machen – und weil Drähte, Glasfasern und Funkwellen keine Viren übertragen, müssen viele unserer Gespräche jetzt in der digitalen Sphäre Asyl finden. Und so mache ich die schräge Erfahrung, mir selbst beim Sprechen zuzuschauen, amüsiere mich über mein Gegenüber, dessen Bild ausgerechnet während eines lustigen Gesichtsausdrucks eingefroren ist, oder experimentiere mit Licht, damit die Glatze nicht so grässlich schimmert. Ich lerne, auf „Hmm“ zu verzichten, weil die Verbindung manchmal so schlecht ist, dass der Ton der anderen Seite für ein paar Sekunden pausiert, sobald ich „Hmm“ sage.
Als Kind hatte ich ein Spielzeug-Morsegerät und kannte damals tatsächlich einen Teil des Morse-Alphabetes. Vielleicht sollte ich an diese verschütteten Fähigkeiten anknüpfen, damit ich mich in der Zoom-Konferenz wenigstens halbwegs verständlich machen kann. Toll. Over and out, Major Tom!

Ich erinnere mich an das Buch „Die Rättin“ von Günther Grass, das ich in den 80er Jahren las. Abwertend schrieb er darin von „Chips und Clips“, welche (sinngemäß) überflüssig wie ein Kropf seien und die Welt um keinen Deut besser machten.

Dennoch, finde ich, lohnt es sich, dieses Tänzchen zu wagen! Zwar sorgen und Chips und Clips und Bits und Bytes mitunter für blechernen Grundton und ruckelige Verständigung, aber dies muss der Tiefe und Vertrautheit der Gespräche keinen Abbruch tun. Mir fällt sogar auf, dass ich seit dem Shutdown viel mehr Gespräche, Chats, Mailaustausche habe, die von Herzlichkeit, Nähe und Tiefe geprägt sind. Vielleicht liegt das auch daran, dass die übliche Betriebsamkeit gerade etwas außer Kraft gesetzt ist – und damit wohl auch jene plappernde Vielstimmigkeit, der unsere Ohren in der analogen Welt zu normalen Zeiten ausgesetzt sind.

Es ist, wie wenn sich der Abend über die Landschaft legt und das Brausen und der allgemeine Lärm nachlassen: Plötzlich nehme ich jene Geräusche und Stimmen, die jetzt da sind, viel klarer und intensiver wahr – und merke, dass meine eigene Stimme, die Worte, die ich wähle, viel deutlicher und prägnanter in ihrer Wirkung sind.

Viele vermeintliche Gewissheiten, Pläne und Routinen zerbröseln gerade oder liegen auf Eis. Der Autopilot verabschiedet sich und ich fliege auf Sicht. Bin wohl gut beraten, jenen Stimmen zu misstrauen, die vorgeben den Flugplan zu kennen und lerne wieder selbst genau hinzuschauen, hinzulauschen, hinzuspüren, meine eigenen Erfahrungen zu machen.

Was gibt es in einer solchen Phase Schöneres als echtes und rückhaltloses Gespräch? Was gibt es Hilfreicheres als gemeinsames Erkunden, ohne schon vorher die Lösung zu wissen? Und spielt es eine Rolle, ob das nun per Telefon, Email, Briefwechsel, Skype oder von Vorgarten zu Küchenfenster geschieht?

Vielleicht hat das Wort, das wir an den Anderen, an die Andere richten – und wenn es nur das sprichwörtliche „Lebenszeichen“ ist – heute einen größeren Wert und eine größere Wirkung als zu normalen Zeiten. Deswegen lohnt es sich aus meiner Sicht, einmal mehr aus der Deckung zu kommen und dazu auch Chips & Clips zu bemühen. Die Umarmungen müssen noch etwas warten – aber ich kann ja schon mal beginnen eine Liste zu führen mit später zu umarmenden Menschen 😉

Zum Abschluss möchte ich hier noch einen Text anfügen, der mir kürzlich unter der Überschrift „Meditation“ auf einem Magdeburger Veranstaltungsflyer begegnet ist.

… wussten sie schon
dass die stimme eines menschen
einen anderen menschen wieder aufhorchen lässt
der für alles taub war

wussten sie schon
dass das Wort oder das tun eines menschen
wieder sehend machen kann einen der für alles blind war
der nichts mehr sah in dieser welt und in seinem leben

wussten sie schon
dass das zeithaben für einen menschen mehr ist als geld
mehr als medikamente
unter umständen mehr als eine geniale Operation

wussten sie schon
dass das anhören eines menschen wunder wirkt
dass das wohlwollen zinsen trägt
dass ein vorschuss an vertrauen hunderfach auf uns zurückkommt …

Wilhelm Wilms


Bild: Beate Gödecke – „Corona-Frau mit Mundschutz“ (Acryl, Öl, Materialcollage) | www.beategoedecke.de
 

 

 

 

 

 

 

 

Mensch Sein

Mir fällt in diesen für mich surrealen Tagen der Refrain eines Liedes ein:

„Denn ich hab Angst um meine Freiheit

Ich hab Angst nach der Wahrheit zu fragen

Ich hab Angst vor meiner Freiheit

Ich hab Angst, mich richtig zu zeigen

Ohne Mauern und Heiligenschein

Ich hab Angst, dass wieder einer der Feind sein soll

Ich hab Angst, der Feind zu sein

Mut heißt nicht, keine Angst zu haben

Mut heißt, dass man trotzdem springt

Und ich weiß, dass man die Angst vergisst

Die Angst vergisst, wenn man singt.“

 

Ostberlin 1977. Hineingeboren in eine Diktatur. Die Farbe Rot,  in meinen Augen stehend für Feindbilder und den Tod.

Aufgewachsen in einer Familie mit pazifistischen Grundwerten. Prägend der Satz von Mahatma Gandhi:

„Keine Regierung der Welt schafft es, Menschen, die sich innerlich frei fühlen, dazu zu bringen, gegen ihren Willen zu salutieren.“

Mein biografischer Faden der mich später sowohl zum Dialog, als auch zur Gewaltfreien Kommunikation gebracht hat. Dies ist meine innere Haltung und Kraftquelle meinen Weg in den derzeitig unsicheren Zeiten zu gehen.

Ich bin aufgewühlt, erschrocken, verunsichert, fragend, bedingt durch destruktive Verhaltensweisen.

Sei es in meinem Pflegeberuf, wo mir die Haustür vor der Nase zugeschlagen worden ist, weil ich vergessen hatte meinen Mundschutz aufzusetzen. An der Kasse, wo ich aufgefordert wurde, nur noch bargeldlos zu zahlen. In der Warteschlange vor meinem Lieblingscafé mit der Aussage konfrontiert, den Mindestabstand nicht eingehalten zu haben.

Mit der Aufforderung dorthin zurück zu fahren, wo ich hergekommen bin, weil ich in einem Firmenwagen mit  Frankfurter Kennzeichen saß. Als Schleswig-Holsteinerin in Schleswig-Holstein.

Und neuerdings sprießt das Grün aus dem Sandkasten auf dem abgesperrten Spielplatz vor meiner Haustür.

In Zeiten von Corona werden für mich zwei Punkte deutlich sichtbar. Zum einen die trennende Kommunikation aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation. Bestehend aus den vier Säulen der Manipulation. Schuld, Scham, Bestrafung, Lob.

Zum anderen das innerliche Trigger in unserer traumatisierten Gesellschaft bei uns ausgelöst werden können. (Buchempfehlung: „Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft?“ – Franz Ruppert)

Die Frage, die sich mir angesichts dieser zwei Aspekte stellt: „Ob das Milgram-Experiment (Stanley Milgram / 1961 „Fast jeder würde auf Befehl foltern“) unter Corona wieder möglich wäre?“ Meine eigene, innere Antwort auf diese Frage erschreckt mich selbst, sowie die scheinbare, mehrheitliche Forderung nach noch mehr einschränkenden Maßnahmen.

Angst

Der Falke, der über dem fliegt, was scheinbar ist. Sein ganzheitlicher Blick. Ruhig fliegt er. Lässt sich mit dem Luftstrom treiben. Von hier oben blickend. In diesen Tagen voller Angst und Panik. Unten auf einer Wiese eine Schafsherde, dicht an dicht in ein Gehege gedrängt. Gehorsam und blind folgend in ihrer Hilflosigkeit und Ohnmacht. Angst vor dem endlichen Leben.

Dort unten ein verängstigtes Lamm. Es möchte nicht in die Herde und blökt laut vor sich hin. Mit all seinem Mut und seiner Kraft stemmt es sich mit den Vorderhufen entschlossen von außen gegen das Gehege.

Der Falke blickt erstaunt runter zu dem Lamm. Beide Blicke treffen sich. Für einen kurzen Augenblick schließt der Falke seine Augen. Mit den letzten Sonnenstrahlen spürt er in sich hinein. Er lässt sich mit der Strömung des Windes nach unten treiben. Greift das Lamm mit den Krallen. Leise raunt er: „Komm ich zeige dir meine Welt.“

Tiefe Dankbarkeit durchströmt das Schaf innerlich. In diesem Augenblick des Seins tauchen beide in das wärmende, unendliche Licht der Abendsonne ein.

(Buchempfehlung: „Wider den Gehorsam“- Arno Gruen)

Ich lausche in diesen Tagen meinem eigenen, inneren Strom aus Gefühlen und Bedürfnissen und nehme dabei bewusst meine eigenen Trauma-Trigger wahr. Sie sind gekoppelt an die Bedürfnisse Schutz, Sicherheit und Vertrauen.

Das Wirkungsnetz aus Selbstempathie, Resilienzförderung, Metakompetenzen, Verbindung und Austausch sind für mich entscheidend, um nicht auf den panischen Zug des Todes aufzuspringen.

Der Tod, der durch Corona aus seiner Komfortzone in die sichtbare Mitte des Lebens gerückt ist.

„In der Welt des getrennten Selbst ist der Tod die ultimative Katastrophe“ („Die Krönung“ – März 2020 https://charleseisenstein.org/essays/the-coronation/.de)

Der Tod trägt in diesen Tagen eine enorme Verantwortung. Sind wir uns dessen bewusst, was diese Verantwortung mit den auferlegten Maßnahmen und den damit einhergehenden natürlichen Konsequenzen und Wirksamkeiten für den Einzelnen und für die Gesellschaft bedeuten?

Förmlich höre ich den Tod aufschreien, dass er diesen Rucksack der Verantwortungsabgabe an sich nicht wollte.

Bedürfnisse wie Verbindung, radikale Selbstverantwortung, Akzeptanz und Wertschätzung werden unter dem Aufschrei sichtbar.

„Was bedeutet der Tod für dich? Hast du dir schon einmal die Zeit genommen, dieser Frage nachzugehen und auf Antworten aus der Tiefe zu lauschen? Wärest du in Frieden, wenn du jetzt von der Lebensbühne abtreten müsstest? Bist du bereit für das große Loslassen, den Moment in dem du nichts (mehr) zu sagen hast, nichts zu tun, wo alles Wollen, Sollen und Müssen ein Ende nimmt.“ (Buch „Perlen tauchen“ – The Work of Byron Katie)

Für mich gehört die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod zum Leben dazu. Ich bin dankbar und voller Demut, dass dies in meiner Familie kein Tabu ist. Für die Aussage meiner Uroma mir gegenüber als kleines Mädchen, „dass ich keine Angst vor dem Tod haben muss.“

Ein Geschenk war für mich das Begleiten meiner Cousine auf ihrem selbstbestimmten letzten Lebensabschnitt. Für meinen eigenen Weg mit einem Sternenkind. Für all die Erfahrungen, wo ich Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten durfte.

„Wir gehen alle zum selben Ort, wir erreichen ihn jedoch auf unterschiedlichen Wegen.“ – Byron Katie

Ich habe viele Fragen angesichts von Kontrollen, Maßnahmen, sozialer Distanz, freiwilliger Abgabe von Rechten und Quarantäne. Ich brauche den Austausch wo ich bin/sein darf.

„Du musst die Dinge mit den Augen in deinem Herzen ansehen, nicht mit den Augen in deinem Kopf.“

  • John Fire Lame Deer, Sioux-Lakota –

 

Janet Jenichen

Exam. Krankenschwester

Zertifizierte Dialogprozess-Begleiterin

Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation/Gewaltprävention

Traumapädagogik

www.Dialoggiraffe.de


Bild: pixabay.com

Im Rahmen des 60. Ostermarsches gab es in Langerwisch einen Stummen Dialog.

„Worauf hoffen Sie? Bringen Sie Ihre Hoffnungen auf die Straße!“

So lauteten die Frage und die Einladung an die Menschen, die – natürlich entsprechend der Vorgaben durch die Ausgangsbeschränkungen – auf ihrem Osterspaziergang an der auf die Straße gezeichneten Erdkugel vorbeikamen. Viele nutzten die bereitgestellte Kreide und schrieben dazu, was sie bewegt. Hier ein paar optische Impressionen von der Aktion:

https://www.flickr.com/gp/markusalthofflw/749802.

Foto: Markus Althoff

Liebe Dialogbegeisterte

wir wollen euch vorab ankündigen, dass wir nach den schönen Begegnungen im Sommerdialog 2019 im Haus Busch, nun mit der Planung des kommenden Sommerdialogs begonnen haben. Die Einladung folgt noch.

Sommerdialog 2020

Tagungshaus der Katholischen Akademie Schwerte

30. Juli ab 16 Uhr bis zum 2. August nach dem Frühstück

anschl. 11.00 Uhr Mitgliederversammlung unseres Vereins Im Dialog e.V.

Herzliche Grüße im Auftrag des Vorstandes

Uta Nagel und das vorläufige Hostingteam: Heinz Verst, Jana Marek, Joanna Bouchi-Häfner, Johannes Schopp, Benno Kapelari

PS. Teilt diese erste Einladung gern schon mit euren Dialoginteressierten.

Vom 13.  bis 15. März 2020 findet in der Jugendherberge Wolfsburg unser diesjähriges Dialogforum statt. Vereinsmitglieder und Interessierte sind herzlich eingeladen miteinander in Austausch zu treten und das Programm mitzugestalten.

Alle Informationen finden Sie in der Einladung (PDF)